Eure Fragen an uns – Hebr 7,12-19 & 8,13 – Gesetz verändert, veraltet und verschwunden?

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Hebr 7,11 Wenn nun durch das levitische Priestertum die Vollkommenheit [gekommen] wäre — denn unter diesem hat das Volk das Gesetz empfangen —, wozu wäre es noch nötig, dass ein anderer Priester nach der Weise Melchisedeks auftritt und nicht nach der Weise Aarons benannt wird? [SLT]

Ehe man zu diesem Vers gelangt, werden zuvor in den sechs Kapiteln des Hebräerbriefes die Besonderheiten unseres Herrn in Vergleichen verdeutlicht, wobei er und sein Werk, sein Wirken, seine Aufgabe usw. – selbstverständlich – größer ist als das, was damit verglichen wird; wie z.B.: Sohn Gottes größer als alle Propheten zuvor, Sohn Gottes größer als alle Engel, größer als Mose, größer als Josua usw.

Im siebten Kapitel erfolgt dann der Vergleich zwischen der Priesterschaft nach der Weise Aarons (also das levitische) mit der nach der Weise Melchisedeks (also der Priesterschaft in der Nachfolge Jesu). Natürlich ist auch hier das, was der Sohn Gottes im Himmlischen tut weitaus größer. Ferner hat es ewig Bestand.

Auf diesen Aspekt der “Ewigkeit”, also der “zeitlichen Komponente” zwischen den beiden Priesterschaften, werden wir im Folgenden nach und nach noch näher eingehen, denn “die Zeit” ist der Schlüssel zum richtigen Verständnis dieser Passage. Übersieht man diesen einen Punkt, führt er unweigerlich zu Missverständnissen.

Direkt nach der mehr oder weniger rhetorischen Frage aus Vers 11, erfolgt dieser oft zitierte Vers:

Hebr 7,12 Denn wenn das Priestertum verändert wird, so muss notwendigerweise auch eine Änderung des Gesetzes erfolgen. [SLT]

Zu dieser Aussage gibt es mehrere, aber vor allem zwei wichtige Punkte, die man nicht übersehen sollte:

  1. Die Aussage bezieht sich auf etwas Gegenwärtiges als auch auf etwas Zukünftiges. Dies wird frei von Interpretation aufgezeigt durch das: “verändert wird“. Der Text sagt nicht: “verändert wurde”; so als wäre die Handlung abgeschlossen. Wie bereits erwähnt: Auf diesen zeitlichen Aspekt werden wir nach und nach noch genauer eingehen.
  2. Die beiden Wörter “verändert” und “Änderung” sind leider katastrophale Übersetzungen. Hier der Beleg:

Hebr 11,5 Durch Glauben wurde Henoch entrückt [gr. “metatithemi”], sodass er den Tod nicht sah, und er wurde nicht mehr gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; denn vor seiner Entrückung [gr. “metathesis”] wurde ihm das Zeugnis gegeben, dass er Gott wohlgefallen hatte. [SLT]

Wie kann dieser Vers belegen, dass Hebr 7,12 falsch übersetzt wurde?

Hebr 7,12 Denn wenn das Priestertum verändert [gr. “metatithemi”, entrückt] wird, so muss notwendigerweise auch eine Änderung [gr. “metathesis”, Entrückung] des Gesetzes erfolgen. [SLT]

Es werden in beiden Versen exakt die gleichen Wörter benutzt, nur dass sie einmal mit “Änderung” und einmal mit “Entrückung” übersetzt werden. Warum? Sehr wahrscheinlich, weil die Übersetzer mit der Wortwahl und somit mit dem Gedanken und der Lehre des Autors nichts anfangen konnten. Jedoch ist seine Wortwahl, also die sog. “Entrückung des Gesetzes” ein weiterer Schlüssel, um das, was hier geschrieben steht, besser zu verstehen.

Kurz dazu die Einträge aus dem erweiterten Strongs-Lexikon zu den beiden Wörtern:

G3346 “metatithemi”: überstellen, G3331 “metathesis”: Überstellung
Aus G3326 meta: “um-” + G5087 tithemi: “setzen, stellen, legen”, wörtlich um-stellen; Wechsel oder Transfer von einem Ort zu einem anderen Ort.

Also, so wie Henoch von einem Ort zu einem anderen Ort “entrückt bzw. übergestellt” wurde, so wird auch das Gesetz von einem Ort zu einem anderen Ort “übergestellt”. Aber was genau ist damit gemeint? Von welchem Ort zu welchem Ort?

Eigentlich ganz einfach, denn das Bild der “klassischen Entrückung”, wie wir sie kennen, gibt uns Aufschluss darüber: Etwas wird von der Erde gen Himmel entrückt; d.h. in unserem Fall hier: das irdische Priestertum nach der Weise Aarons wird angehoben zu dem Priestertum nach der Weise Melchisedeks, welches im Himmlischen seine Gültigkeit hat. Durch diesen Vorgang löst sich das eine Priestertum auf Erden nicht einfach auf, im Gegenteil:
Es gibt nun viel besseren und klareren Aufschluss darüber, was im Himmlischen passiert, denn das irdische Priestertum ist ein Abbild des himmlischen. Die irdischen Dinge in der irdischen Hütte, sind eine Nachbildung dessen, was im Himmel ist. Das ist keine waghalsige Interpretation unsererseits, sondern genau das, was geschrieben steht. Hier nur zwei Stellen, die das klar und leicht verständlich verdeutlichen:

Hebr 8,5 Diese [Anm.: die Priester und die Gaben] dienen einem Abbild und Schatten des Himmlischen, gemäß der göttlichen Weisung, die Mose erhielt, als er die Stiftshütte anfertigen sollte: »Achte darauf«, heißt es nämlich, »dass du alles nach dem Vorbild machst, das dir auf dem Berg gezeigt worden ist!« [SLT]

Hebr 9,24 Denn nicht in ein mit Händen gemachtes Heiligtum, in eine Nachbildung des wahrhaftigen, ist der Christus eingegangen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen; [SLT]

Moses sah etwas, nämlich eine Nachbildung, die ihm als Vorbild diente. Denn das, was er sah, war Schatten und Abbild des Himmlischen, des wahrhaftigen Heiligtums, das nicht mit Händen gemacht wurde. In dieses ist der Christus eingegangen. Das heißt also…

Hebr 8,1-2 Die Hauptsache aber bei dem, was wir sagen, ist: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel, einen Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Stiftshütte, die der Herr errichtet hat und nicht ein Mensch. [SLT]

Hebr 9,24 Denn nicht in ein mit Händen gemachtes Heiligtum, in eine Nachbildung des wahrhaftigen, ist der Christus eingegangen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen; [SLT]

Noch einmal, weil es so wichtig ist: Das irdische Priestertum nach der Weise Aarons, das auf Erden seine Gültigkeit hat, wird “übergestellt” zu dem Priestertum nach der Weise Melchisedeks, welches im Himmlischen seine Gültigkeit hat. Wir dürfen nun daran erkennen, dass das irdische ein Abbild des himmlischen Priestertums ist und schon immer war.

Dieser Vorgang ist vergleichbar mit der Erfüllung des Gesetzes durch unseren Herrn. Auch hier war das Gesetz schon immer geistlich (Röm 7,14), aber wir haben es noch nicht erkennen können, bis der Sohn Gottes kam und uns die Erfüllung des Gesetzes lehrte:

Mt 5,17-19 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen sei, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen! Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergangen sind, wird nicht ein Buchstabe noch ein einziges Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und die Leute so lehrt, der wird der Kleinste genannt werden im Reich der Himmel; wer sie aber tut und lehrt, der wird groß genannt werden im Reich der Himmel. [SLT]

Im Anschluss an diese Verse folgen seine berühmten “Ich aber sage euch”-Aussagen, in denen er uns aufzeigt, dass der Buchstabe zu halten ist (wie z.B. beim Ehebruch, vgl. Mt 5,27-32), aber dass das Gesetz auch geistlich ist; d.h. unter anderem, dass wir verstehen sollen, dass wir auch schon in unseren Gedanken Ehebruch begehen können [bei Interesse hierzu siehe den Artikel “Bergpredigt“; dort haben wir diesen Gedanken näher erläutert].

Also, genauso wie der Herr diesen Punkt im Gesetz mit einem höheren Sinn und Zweck erfüllt hat, genau dasselbe hat er auch mit dem Priestertum gemacht. Er hat das Priestertum zu einem höheren Priestertum “entrückt”. Er hat es zum Himmlischen “überstellt”.

Genauer auf all diese wichtigen Punkte einzugehen, würde den Rahmen sprengen, aber an dieser Stelle soll es genügen, dass diese Verse uns klar aufzeigen, dass es zwei Weisen des Priestertums gibt, ohne dass das eine das andere auflöst, denn: Das eine (das irdische) ist ein Abbild des anderen (des himmlischen Priestertums). Noch einmal die Verse:

Hebr 8,5 Diese dienen einem Abbild und Schatten des Himmlischen, gemäß der göttlichen Weisung, die Mose erhielt, als er die Stiftshütte anfertigen sollte: »Achte darauf«, heißt es nämlich, »dass du alles nach dem Vorbild machst, das dir auf dem Berg gezeigt worden ist!« [SLT]

Hebr 9,24 Denn nicht in ein mit Händen gemachtes Heiligtum, in eine Nachbildung des wahrhaftigen, ist der Christus eingegangen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen; [SLT]

Wie man anhand der Versangabe erkennen kann, erstreckt sich die, sagen wir mal “Beweisführung”, dieses einen Punktes (dass das irdische eine Nachbildung des Himmlischen ist) über mehrere Kapitel. Dabei soll uns immer klarer und deutlicher aufgezeigt werden, dass dieses Priestertum, das durch das Werk des Sohnes Gottes überhaupt erst ermöglicht wurde, weitaus größer ist als das levitische Priestertum. Natürlich.

Der Autor legte also sehr großen Wert darauf, die Empfänger des Briefes zu beruhigen; sehr wahrscheinlich, weil ihnen bewusst war, dass Jerusalem bald fallen wird und der Tempeldienst somit nicht mehr möglich sein wird. Die Datierung des Briefes unterstützt das: viele gehen von 68 n. Chr. aus. Der Tempel wurde 70 n. Chr. zerstört.

Bis dahin – auch wenn es für viele vielleicht überraschend, ja vielleicht sogar schockierend sein mag – gingen die Gläubigen in Christus in den Tempel und opferten:

Apg 21,26 Da nahm Paulus die Männer zu sich und ging am folgenden Tag, nachdem er sich hatte reinigen lassen, mit ihnen in den Tempel und kündigte die Erfüllung der Tage der Reinigung an, bis für jeden von ihnen das Opfer dargebracht werden sollte. [SLT]

Da das aber bald nicht mehr gehen würde, zeigt der Autor wiederholte Male auf, wie groß das Werk Jesu ist, um sozusagen die Hebräer zu beruhigen.

Ein Punkt, der ihnen diese Größe klarmachen soll, ist unser Zugang zum Heiligtum durch das Opfer Jesu:
Sein Blut ist in Bezug auf das Priestertum so kostbar, dass in das irdische jährlich nur ein einziger Mann gehen durfte, aber in das Himmlische dürfen alle Gläubige durch das Blut Jesu tagtäglich mit Freimütigkeit hinzutreten:

Hebr 10,19-22 Da wir nun, ihr Brüder, kraft des Blutes Jesu Freimütigkeit haben zum Eingang in das Heiligtum, den er uns eingeweiht hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang hindurch, das heißt, durch sein Fleisch, und da wir einen großen Priester über das Haus Gottes haben, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in völliger Gewissheit des Glaubens, durch Besprengung der Herzen los vom bösen Gewissen und am Leib gewaschen mit reinem Wasser. [SLT]

Amen!

Falls an dieser Stelle die Frage oder der Einwand erfolgen sollte, dass genau aus diesem Grund das levitische Priestertum abgeschafft wurde, möchten wir kurz noch einmal wiederholen, dass

a) die irdischen Abläufe rund um den Priesterdienst ein Abbild der himmlischen Abläufe sind (Hebr 8,5, Hebr 9,24 usw.) und

b) solange der Tempel noch stand, die Apostel (als unsere Vorbilder) und die anderen Gläubigen zum Tempel gingen, um zu opfern (Apg 2,46, Apg 21,26 usw.).

Alle anderen Fragen und Einwände, die in diesem Zusammenhang (v.a. mit dem Sinn und Zweck der Opfer nach Jesu Auferstehung) noch erfolgen könnten, werden wir, so Gott schenkt, in einem separaten Hebräer-Brief-Artikel klären. Denn es gibt viel Verwirrung rundum das Thema “Opfer”.
Ferner steht die Tiefe und Wichtigkeit der Aussagen in diesem Brief dem des berühmten Briefes an die Römer in Nichts nach.