1Mo 44,18-47,27 – Wer “nach-tragend” ist, hat viel zu schleppen

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Schalom ihr Lieben,

in der letzten Woche haben wir an einer der spannendsten Stellen der Bibel aufgehört. Doch was war bisher geschehen?

So einiges. Denn wie ihr wisst, waren nun nach vielen, vielen Jahren die Brüder Israels wieder vereint. Obwohl elf davon nicht den blassesten Schimmer hatten, dass sie vor ihrem Bruder Josef standen. Wie sollten sie auch? Sie hatten ihn ja vor über 20 Jahren an Sklavenhändler verkauft. Wer soll da schon auf die Idee kommen, dass dieser Josef dann irgendwann zum zweitmächtigsten Mann der damals bekannten Welt werden würde?!

Nun waren sie aber vor ihm. Genauer gesagt: sie warfen sich vor ihm nieder und winselten um Gnade. Und warum taten seine Brüder das? Weil Josef es durch seinen weisen Masterplan geschafft hatte, dass die zehn Schuldigen wieder ohne einen Bruder zu ihrem Vater Jakob zurückkehren mussten. Damals, vor über 20 Jahren, ohne Josef und voll böser Absicht. Dieses Mal ohne Benjamin, aber dafür völlig unschuldig. Doch wie gesagt, sie wussten von all dem Nichts. Was sie aber wussten, war, dass es ihren 130 jährigen Vater Jakob umbringen würde, wenn sie ohne Benjamin zurückkehren würden. So wie wir es in der letzten Portion gelesen hatten:

1. Mose 42,38 »Nein«, rief Jakob, »es kommt überhaupt nicht in Frage, dass Benjamin mit euch geht! Sein Bruder Josef ist schon tot, und er ist der letzte Sohn von meiner Rahel. Ich bin schon ein alter Mann, und wenn ihm unterwegs auch noch etwas zustößt, würdet ihr mich ins Grab bringen!«

So, nun stehen sie da: Benjamin als völlig Unschuldiger bei Josef und die zehn Schuldigen wie ein Häufchen Elend vor ihm. Dann ergreift Juda das Wort und spricht die letzten beiden Verse der vergangenen Portion:

1. Mose 44,16-17 Juda antwortete: »Was sollen wir jetzt noch zu unserer Verteidigung vorbringen? Es gibt nichts, womit wir uns rechtfertigen könnten. Gott hat eine Schuld von uns bestraft. Darum sind wir alle deine Sklaven – nicht nur der, bei dem dein Becher gefunden wurde!«
»Nein, auf keinen Fall!«, entgegnete Josef. »Nur der ist mein Sklave, der den Becher gestohlen hat, ihr anderen seid frei und könnt in Frieden zu eurem Vater zurückkehren!«

Genau in diesem Moment, wo allen klar wird, dass ihr Bruder Benjamin nicht mit ihnen nach Hause reisen wird, setzt sich Juda auf ganz besondere Weise für ihn ein. Er spricht dann in 1. Mose 44,32-34 diese aufopfernden Worte zu Josef:

32 Herr, ich habe bei meinem Vater die volle Verantwortung für den Jungen übernommen und gesagt: ›Wenn ich ihn dir nicht gesund zurückbringe, will ich mein Leben lang die Schuld dafür tragen!‹
33 Darum bitte ich dich, Herr: Lass mich an seiner Stelle als dein Sklave hierbleiben und lass ihn mit seinen Brüdern zurückziehen!
34 Wie soll ich denn ohne den Jungen meinem Vater begegnen? Ich könnte seinen Schmerz nicht mit ansehen!

Was für ein Unterschied zum Juda von vor 20 Jahren, oder? Damals verkaufte er von Neid und Hass erfüllt seinen Bruder Josef als Sklaven, jetzt ist er von Treue und Liebe erfüllt und ist deswegen bereit, sich selbst für seinen Bruder Benjamin zu versklaven. 

Und genau hier geht der weise Plan Josefs auf. Endlich, nach so vielen Jahren, sehen die Brüder ihren Fehler von damals ein. Das ist das, worauf Josef gewartet hatte: die wahre Buße und Reue seiner Brüder zu sehen. Und nach dieser Buße und Reue, folgt eine der mit Abstand schönsten Stellen der gesamten Heiligen Schrift:

1. Mose 45,1-4 Da konnte Josef sich nicht länger beherrschen. »Verlasst den Raum!«, befahl er seinen Hofbeamten erregt. Nun war er mit seinen Brüdern allein.
Er brach in Tränen aus und weinte so laut, dass die Ägypter es hörten. »Ich bin Josef!«, sagte er zu seinen Brüdern. »Lebt mein Vater noch?« Fassungslos standen die Brüder vor ihm. Sie brachten keinen Ton heraus. »Kommt doch näher!«, sagte Josef. Sie traten zu ihm, und er wiederholte: Ich bin euer Bruder Josef, den ihr nach Ägypten verkauft habt. …
14 Er fiel Benjamin um den Hals und weinte. Auch Benjamin begann zu weinen.
15 Dann umarmte er die anderen und küsste sie unter Tränen. …

Wir wissen nicht, wie es euch da draußen geht, aber viele von uns rührt das immer und immer und immer wieder zu Tränen, wenn wir uns diese Situation der Versöhnung zwischen den Brüdern vorstellen. Eine Versöhnung der Söhne Israels!

Vielleicht wird das irgendwann auch für euch nicht nur eine Geschichte sein, die vor tausenden von Jahren passiert ist, sondern eine Geschichte voller Hoffnung für die Zukunft. Eine Hoffnung, dass sich irgendwann wieder die Kinder Gottes in den Armen liegen und Frieden und Einheit untereinander haben werden.

So, nach diesem emotionalen Einstieg, wollen wir uns nun in dieser Folge das ganze Wiedersehen zwischen den Brüdern genauer mit euch ansehen. Hierzu lesen wir weiter im 45. Kapitel die Verse 5-8. Dabei werden wir dann sehen, wie der barmherzige (und mit seinen Brüdern mitfühlende) Josef Folgendes zur Beruhigung zu ihnen sagt:

5 Und nun seid nicht traurig und macht euch keine Vorwürfe darüber, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn zur Lebensrettung hat mich Gott vor euch hergesandt!
6 Denn dies ist das zweite Jahr, dass die Hungersnot im Land herrscht, und es werden noch fünf Jahre ohne Pflügen und Ernten sein.

7 Deshalb hat Gott mich vorausgeschickt. Es ist sein Plan, euch und eure Nachkommen überleben zu lassen, damit er eine noch größere Rettungstat an euch vollbringen kann.
8 Nicht ihr habt mich hierher gebracht, sondern Gott. Er hat es so gefügt, dass ich die rechte Hand des Pharaos geworden bin und sein ganzer Hof und ganz Ägypten mir unterstellt ist.

Zu diesen vier Versen lässt sich nun unfassbar viel sagen. Und vieles davon ist für unser aller Glaubensleben auch unfassbar wichtig. Aber wir werden nicht auf alle diese Punkte eingehen, sondern haben für euch die wichtigsten drei herausgesucht:

  1. Anderen vergeben und nicht nachtragend sein.
  2. Sich selbst vergeben.
  3. Seine Fehler nicht kleinreden.

Nun zum ersten Punkt …