Perspektivwechsel
Bisher haben wir uns das Ganze mehr oder weniger nur aus einem Blickwinkel angesehen. Aber was ist mit der im Herzen verletzten Person: Kann auch sie bei dem hier behandelten Thema gemäß der alten Natur handeln? Also im Fleisch reagieren? Kann auch sie egoistisch sein?
Ja, sie bzw. “man” kann. Wie?
Zum Beispiel, indem man bewusst oder unbewusst Erwartungen an die Mitmenschen stellt. Oder wenn man jedes Wort von ihnen auf die Goldwaage legt. Oder wenn man (ebenfalls bewusst oder unbewusst) ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass alle auf einen Rücksicht nehmen werden bzw. es sogar müssen. Das Schlagwort in diesen und ähnlichen Zusammenhängen ist häufig: Opferrolle.
Auch wenn es hart klingen mag, aber so direkt und ehrlich man die eine Seite beleuchtet, so muss man es auch mit der anderen machen. Denn im Glauben gilt ja schließlich für uns alle ein und dasselbe: In der Nächstenliebe wachsen?! Beide!
Natürlich ist es bei diesem “Zusammenspiel” zwischen verletzten und nicht verletzten Herzen so, dass der eine mehr einzubringen hat als der andere. Was genau damit gemeint ist, beschreibt Paulus so:
Röm 15,1-2 Wir aber, die wir stark sind, sind verpflichtet, die Schwächen derer zu tragen, die nicht stark sind. Wir dürfen nicht an uns selbst denken, sondern jeder von uns lebe dem Nächsten zu Gefallen, ihm zum Wohl, um ihn aufzubauen.
- Starke den Nicht-Starken helfen.
- Nicht an sich selbst denken.
- Den Nächsten aufbauen.
Amen? Amen.
Um das aber hinzubekommen (was hier so kurz und knapp und vermeintlich “so einfach” geschrieben steht), ist zwingend ein ganz besonderer Schritt notwendig:

Der Starke muss von den Schwächen, die er mittragen soll, Bescheid wissen. In kurz: Man muss miteinander reden!
Denn unser Nächster, der ja keinen offenen Brustkorb sieht, muss in einem bestimmten Maß um die Verletzungen seines Nächsten Bescheid wissen.
Es ist aber leider oft so, dass – wenn die Herzenswunden tief sitzen – ein “sich öffnen” nicht immer möglich ist. Schon gar nicht gegenüber jedermann.
Dadurch fehlen dann entscheidende Informationen. Und dadurch wiederum ergeben sich ganz automatisch zwischenmenschliche Herausforderungen. Das ist kein Vorwurf gegenüber den Menschen, die sich nicht öffnen, sondern lediglich eine nüchterne Feststellung. Denn wenn der eine nicht von den inneren Kämpfen des anderen weiß, sind Missverständnisse quasi unvermeidbar. Da können die kleinsten Kleinigkeiten kränken, als schwere Kritik aufgefasst werden, verletzen und/oder alte Wunden aufgehen lassen.
Dazu wieder kurz zurück zu unserer Veranschaulichung. Nur dass wir uns dieses Mal keine schwere Grippe, sondern eine körperliche Krankheit vorstellen, die man gut vertuschen kann. Das heißt, unser Gegenüber ist körperlich krank, aber wir wissen nichts davon. Dadurch setzen wir dann automatisch ganz alltägliche Dinge als “völlig normal” voraus … die aber eben für einen kranken Menschen alles andere als “normal” sind.
Zum Beispiel kann man von jemandem, der durch einen Autounfall traumatisiert wurde, nicht erwarten, dass er oder sie ”einfach mal so” aufs Gas drückt, weil man sonst zu spät kommt. Man kann von einem Menschen, der Höhenangst hat, nicht erwarten, bei der Gartenarbeit “einfach mal so” auf eine hohe Leiter zu klettern. Man kann von einem Menschen, dessen Vertrauen in der Vergangenheit missbraucht wurde, nicht erwarten, sich “einfach mal so” zu öffnen.
In diesen und ähnlichen Situationen sind dann Sprüche, die vielleicht jeder von uns mal gebracht hat, wie: “Jetzt stell dich mal nicht so an!” völlig unpassend, überflüssig und alles andere als feinfühlig. Gleichzeitig kann man aber der Person, die so etwas sagt, keinen großen Vorwurf machen, denn sie weiß ja nicht um diese Dinge Bescheid. Es wurde ihr nicht gesagt.
Deswegen ist es in diesen und ähnlichen Zusammenhängen wichtig, dass auch der kranke bzw. eben der innerlich verletzte Mensch nachsichtig und verständnisvoll mit seinen Nächsten ist; vor allem dann, wenn diese nichts von dem wissen, was in einem los ist. Sich beleidigt oder gekränkt fühlen, weil etwas gesagt oder getan wurde, was einen verletzt hat, sind nachvollziehbare Reaktionen, aber wenn man nicht darüber redet, dann wird’s schwer für die anderen.
Und mit “darüber reden” ist nicht zwingend gemeint, dass man mit jedem über das, was im eigenen Herzen los ist, reden muss, sondern damit ist in erster Linie gemeint, dass man es seinen Mitmenschen wissen lassen sollte, dass gewisse Dinge, die gesagt oder getan wurden, einen verletzt haben. Denn nur so können die Mitmenschen für’s nächste Mal Rücksicht nehmen und Verständnis zeigen.
Also ist auch hier ein Teil der Lösung mal wieder (wie eben so häufig): Reden, reden, reden. Nicht mit anderen (!), dass der- oder diejenige einen verletzt hat, sondern direkt mit der Person selbst. Falls das einem schwerfallen sollte, kann man eine dritte, vermittelnde Person mit einbinden, die einem dabei hilft.
An dieser Stelle ist es nicht unwichtig zu erwähnen, dass das gesamte Thema natürlich hochkomplex, sensibel und äußerst herausfordernd ist, hier im Text aber der Fokus nur auf ganz wenige Punkte gelegt wird. Das heißt, dass viele Eventualitäten bei dem Zusammenspiel aus “Herzensverletzungen” auf der einen Seite und der “Fürsorge und Nächstenliebe” auf der anderen hier nicht behandelt werden. Nur um ein paar Beispiele zu bringen, damit man versteht, was gemeint ist:
Natürlich kann es Situationen geben, wo die im Herzen verletzte Person gar nicht wie ein “verletzter Mensch” behandelt werden will. Sie will sich nicht schwach und hilflos vorkommen. Oder in einem ähnlichen Zusammenhang kann es vorkommen, dass die verletzte Person die Tiefe der eigenen inneren Wunden gar nicht erkennt oder sie gar nicht wahrhaben will.
Genauso kann es auch auf der anderen Seite mal Situationen geben, in denen der Nicht-Verletzte trotz der inneren Wunden seines Nächsten nicht sanfte, sondern scharfe Worte wählen muss.
All das und viel, viel mehr kann passieren. Wie gesagt, es gibt viele verschiedene Szenarien, die vorkommen können. Aber das ist hier nicht der Fokus des Artikels. Es geht nicht um das Abdecken aller möglichen Eventualitäten. Denn am Ende sind nicht irgendwelche Eventualitäten oder Sondersituationen entscheidend, sondern eben oft der Mangel an gegenseitigem Verständnis …
… und eben das Problem,
dass verletzte Herzen nicht richtig gesehen werden.
Will man die Herzen aber immer mehr sehen, dann verbirgt sich in diesem gesamten zwischenmenschlichen Zusammenspiel die wundervolle Gelegenheit, durch diese Herausforderungen …
- dazuzulernen,
- weniger egoistisch zu sein,
- feinfühliger, verständnisvoller, geduldiger, sanfter, mitdenkender und mitfühlender zu werden,
- generell sich zum Gott wohlgefälligeren zu verändern
- und natürlich immer mehr in der Nächstenliebe zu wachsen.
All das wird dann dazu führen, dass zwischenmenschliche Beziehungen friedlicher werden, das gegenseitige Vertrauen wachsen wird, Wunden geheilt werden und schlussendlich wird man mehr und mehr eins werden – sei es in der Partnerschaft oder in der Gemeinschaft.
Mitunter werden wir sogar genau aus diesem bestimmten segensreichen Grund zusammengeführt, zusammengefügt und zusammengehalten:
Eph 4,15-16 Lasst uns wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten durch jede Verbindung, die den Leib nährt mit der Kraft, die einem jeden Teil zugemessen ist. So wächst der Leib und erbaut sich selbst in der Liebe.
Auf unser Thema hier angewandt bedeuten diese Worte:
Diejenigen, die nicht so verletzt im Herzen sind, können denen helfen, die es sind. Sie hingegen (also diejenigen, die Verletzungen im Herzen tragen) können wiederum den anderen dabei helfen, in der Sensibilität, Achtsamkeit, im gegenseitigen Verständnis und eben vor allem in der Liebe zu wachsen. Auf diese Weise wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten mit der Kraft, die einem jeden Teil zugemessen ist. So wächst der Leib und erbaut sich selbst in der Liebe.
…
Wir schließen ab mit einem Aufruf, der für “beide Seiten” gilt:
1Kor 16,14 Lasst alles bei euch in Liebe geschehen!
V1.0
