Wächter des Wortes – Wie prüft man Biblisches? – Teil 6: Vorsicht

1. Vorsicht: Ich nehme an, ich nehme auf.

Um diesen ersten Punkt besser zu veranschaulichen, kurz ein Beispiel dazu. Jemand sagt: “Ich habe fünfmal angerufen.”
Diese Feststellung kann man, obwohl sie sehr kurz und knapp ist, auf verschiedene Arten und Weisen auffassen, wie z.B.:

1. Die Worte werden völlig emotionslos als eine nüchterne Feststellung ausgesprochen.
2. Die Worte werden in einem genervten Zustand als Vorwurf ausgesprochen.
3. Die Worte sollen aufzeigen, wie eifrig man nachgehakt hat, weil es wichtig war, die Person zu erreichen.

In allen drei Fällen ist es ein- und dieselbe Aussage. Aber je nachdem, was man denkt, wie die andere Person es gemeint haben könnte, nimmt man die Aussage dementsprechend auf. Wir kennen diese Missverständnisse aus “Wir nehmen etwas an und daher nehmen wir entsprechend auf” zur Genüge aus unserem Alltag. Und dasselbe Problem haben wir auch im Umgang mit der Heiligen Schrift.

Wie ist das gemeint?

Nahezu alle von uns gehen davon aus, dass das, was wir glauben und wovon wir überzeugt sind, auf unser aufrichtiges Prüfen von Tatsachen zurückzuführen ist. Jedoch ist es viel näher an der Wahrheit, dass unsere Rückschlüsse eher darauf aufbauen, dass wir Dinge meist ganz unbewusst verarbeiten. In anderen Worten: Man hat ein Leben lang hauptsächlich das als Information akzeptiert, was einem zusagt. Alles, was einem nicht zusagt oder gar ungemütlich wird, hat man bewusst oder unbewusst aussortiert. Ganz nach dem Motto: “Verwirre mich nicht mit Tatsachen, denn ich habe bereits meine Meinung.”
Niemand würde so etwas sagen, aber dennoch tun das viele von uns. Noch einmal in anderen Worten ausgedrückt, die so niemand sagen würde, aber dennoch indirekt stimmen: “Erzähle mir lieber von Dingen, die meine Meinung untermauern und mich beruhigen, als von Wahrheiten, die mich und mein Weltbild herausfordern.”

Diese “Einstellung” (die, wie bereits erwähnt, sehr häufig unterbewusst abläuft) kann man auch: unsere persönliche Brille nennen. Diese Brille – die ein jeder von uns aufhat – führt uns unterbewusst dazu, dass wir das glauben, was wir glauben wollen.
Selbst unser stärkstes Sinnesorgan, unser Auge, wurde ein Leben lang trainiert, sodass es das sieht, was es gewohnt ist zu sehen. Hierfür gibt es zahlreiche Veranschaulichungen, die wir alle als sog. “optische Täuschungen” kennen. Diese Täuschungen nutzen die zuvor genannte “menschliche Schwäche der falschen Grundannahmen” aus und kreieren so teilweise sehr bizarre Bilder. Hier nur eines von zahlreichen Beispielen, welches aufzeigen soll, wie wir ganz unbewusst etwas annehmen, weil unser Auge – im Zusammenspiel mit unserem Gehirn – uns ein Leben lang auf eine bestimmte Art und Weise “trainiert” hat (klicke auf das Bild, um es zu vergrößern):

Grafik: Original: Edward H. Adelson, vectorized by Pbroks13 Lizenz: CC BY-SA

Hier sagt uns unser Auge, dass das Feld B viel, viel heller ist als das Feld A. Warum? Weil unsere lebenslange Erfahrung bzgl. Licht und Schatten uns das einflüstert; d.h. anhand dadurch, wie wir von Kind auf geprägt worden sind, sehen wir durch unsere sog. “persönliche Brille” diesen Helligkeitsunterschied, der eigentlich gar nicht da ist, denn die Felder haben exakt dieselbe Farbe (klicke wieder auf das Bild, um es zu vergrößern):

Grafik: Edward Adelson. Lizenz: CC0

[Falls du denkst (weil es für das Auge so unglaublich erscheint), dass da von uns geschickt ein Farbverlauf eingebaut wurde, solltest du die erste Datei mit einem Bildbearbeitungsprogramm kontrollieren oder jemanden fragen, der sich damit auskennt. Er wird dir bestätigen, dass die Felder A & B sowohl im ersten als auch im zweiten Bild absolut identisch sind.]

Diese kleine Veranschaulichung sollte dazu dienen, dass wir uns alle bewusstwerden, wie leicht selbst unser dominantestes Sinnesorgan (nämlich unser Auge) getäuscht werden kann. Und wenn wir uns schon von einer Information täuschen lassen können, die wir sehen, wie viel mehr kann man uns dann mit Dingen täuschen, die wir nicht sehen?

Zwei kurze Beispiele dazu, wie eine gewisse Grundannahme eine, nennen wir sie ebenfalls, optische Täuschung beim Verständnis der Heiligen Schrift auslösen kann:

Gal 3,13 Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes… [SLT]

Hier lesen viele durch die Grundannahme, dass das Gesetz abgeschafft sei: “Christus hat uns losgekauft von dem Gesetz” der Text sagt aber eindeutig: “Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes“. Eine völlig andere Aussage.
Das zweite kleine Beispiel, wie Grundannahmen zu einem bestimmten Thema unser Verständnis von biblischen Aussagen verzerren können:

Röm 8,2 Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. [SLT]

Hier lesen ebenfalls viele indirekt: “Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz”, aber auch hier sagt der Text eindeutig: “Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“. Eine, wie bei Gal 3,13, völlig andere Aussage.

Da ein Paulus – der mit großer Weisheit begnadigt war – wusste, dass wir diese und ähnliche seiner Aussagen durch unsere “persönliche Brille” schnell falsch verstehen könnten, stellte er seine immer wiederkehrenden “rhetorischen Fragen”. Bezüglich des Gesetzes zwei Beispiele:

Röm 7,7 Was wollen wir nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! … [SLT]

Röm 3,31 Heben wir nun das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! … [SLT]

Warum stellte Paulus solche Fragen, deren Antworten doch so offensichtlich sind? Natürlich ist das Gesetz nicht Sünde und natürlich ist das Gesetz nicht durch den Glauben aufgehoben. Warum denn auch, denn …

Röm 7,12 Das Gesetz ist heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut. [SLT]

Also noch einmal die Frage: Warum so überflüssige Fragen stellen, deren Antworten so offensichtlich sind?
Unter anderem deswegen, weil Paulus wusste, dass man das, was er sagte, sehr schnell falsch verstehen könnte; v.a. deswegen, weil wir bereits mit Menschenlehre behafteten Grundannahmen an gewisse Themen herangehen. Hinzukommt, dass er mehr als jeder von uns der Gefahr bewusst wahr, dass wir alle einen lebenslangen Kampf zwischen Fleisch und Geist führen müssen. Dieser innere Kampf, der (wie beim Punkt zuvor auch) für viele leider oft unbemerkt abläuft, kann uns sehr schnell und einfach dazu (ver)führen, dass wir Informationen rund um das Gesetz Gottes durch unsere persönliche “Fleisch-Brille” sehen. Auf diese Weise ist es möglich – ja sogar sehr wahrscheinlich –, dass wir Aussagen zum Gesetz sehr schnell falsch verstehen. Unter anderem deswegen, weil…

Röm 8,7 weil nämlich das Trachten des Fleisches Feindschaft gegen Gott ist; denn es unterwirft sich dem Gesetz Gottes nicht, und kann es auch nicht; [SLT]

Daher sollen wir ja auch im Geiste wandeln, denn …

Röm 7,14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. [SLT]

Dieser, in der Heiligen Schrift immer und immer wieder erwähnte Kampf zwischen Fleisch und Geist führt bei uns allen dazu, dass wir an göttlich-geistliche Zusammenhänge mit einer menschlich-fleischlichen Grundannahme herangehen und deswegen falsch verstehen.

Auf diese Weise können wir dann schlussendlich sehr leicht verführt werden:

Mt 24,4 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt acht, dass euch niemand verführt! [SLT]

Und verführt werden wir v.a. durch unsere gefallene, menschliche, schwache Natur, sprich durch “unser Fleisch“, denn …

Gal 5,17 … das Fleisch gelüstet gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; und diese widerstreben einander, sodass ihr nicht das tut, was ihr wollt. [SLT]

Daher spricht unser Herr:

Mt 26,41 Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. [SLT]

Wenn wir das alle verstehen, verinnerlichen und uns stets dieser Gefahr bewusst sind, dass auch im Verständnis der Heiligen Schrift unser Fleisch uns betrügen kann, dann werden wir viel häufiger unser “trügerisches Ich” entlarven, welches immer listig und klammheimlich versucht, uns auszutricksen und das zu tun, was es möchte. Aber wir wissen alle, dass …

Röm 8,8 … die im Fleisch sind, Gott nicht gefallen können. [SLT]

Ohne an dieser Stelle tiefer ins Detail dieses Kampfes zwischen “Fleisch und Geist beim Verstehen der Heiligen Schrift” einzugehen, eine Aussage, die so sicherlich niemand treffen würde: “Ich habe dir meine Ansicht zu diesem oder jenem Thema nun mitgeteilt. So lass uns nun Verse finden, die mein Verständnis dazu bestätigen.”, oder: “Hier sind meine Schlussfolgerungen. Welche Verse können wir nun dazu finden, sodass sich mein Verständnis festigt?”

Wie gesagt, niemand würde so etwas sagen oder bewusst so an die Sache herangehen, unbewusst tun das aber sehr viele. Wie? Indem man eben mit falschen Grundannahmen an den Text herangeht, d.h. die persönliche Brille aufhat. Unsere gefallene Natur und unser schwaches Fleisch tun dann das Übrige, sodass wir den göttlich-geistlichen Sinn durch unsere menschlich-fleischliche Gesinnung verzerren und uns so nur auf die Verse fokussieren, die unser Verständnis vermeintlich bestätigen.

Richtig und wichtig beim Bibel-Studium ist aber, dass man alles mit allem in der Heiligen Schrift abgleicht und nicht die Rosinen herauspickt, die einem zusagen. Zum Beispiel nicht nur auf Joh 3,16 beharren:

Joh 3,16 Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat. [SLT]

Sondern z.B. auch berücksichtigen, dass wiederum geschrieben steht:

Lk 14,33 So kann auch keiner von euch mein Jünger sein, der nicht allem entsagt, was er hat. [SLT]

In kurz: Jedeswiederum steht geschrieben” in der Heiligen Schrift ist zu berücksichtigen, auch diejenigen, die unserem Fleisch nicht zusagen. Diese ehrliche und aufrichtige Vorgehensweise mit der Bibel hilft uns dann dabei, das volle Bild einer göttlichen Wahrheit zu erfassen – ganz nach dem Geist und nicht nach dem Fleisch. Folgen wir aber unserer fleischlichen Gesinnung und nehmen alles selektiv durch unsere persönliche Brille wahr, wird sich das bereits festgesetzte Bild nur noch noch fester verzerren. Und dieses allseits beliebte “Rosinenpicken in der Bibel” endet dann leider in den allermeisten Fällen katastrophal.

Daher sollte es für uns immer heißen: Wenn wir die Heilige Schrift verstehen wollen, müssen wir alles in seinem Zusammenhang verstehen und dürfen dabei keinerlei Verse ausklammern. Alles muss mit allem in sich geschlossen Sinn ergeben.
Bei der Suche nach dieser göttlichen Wahrheit dürfen und sollten unsere Emotionen, vordefinierten Bilder und Meinungen keinerlei Rolle spielen. Sprich: Je mehr wir unsere Fleischbrille abnehmen und die von Gott überreichte geistliche Brille aufsetzen, desto eher werden wir den heiligen Text nicht durch unsere, sondern durch Gottes Augen sehen:

Ps 119,18 Öffne meine Augen, damit ich Wunder schaue in deinem Gesetz! [CSV]