Das verletzte Herz sehen

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Stell dir vor, dass ein Mensch, den du lieb hast, krank wird. Die Krankheit muss keine schwere oder bleibende sein, damit die Veranschaulichung funktioniert. Du kannst dir zum Beispiel einfach eine schwerere Grippe oder so vorstellen, bei der die betroffene Person körperlich schwach und bettlägerig wird.

♥ Würdest du jetzt an diese erkrankte Person irgendwie Erwartungen stellen? Oder würdest du eher fürsorglich mit ihr umgehen?
♥ Würdest du körperliche Höchstleistungen erwarten oder eher verständnisvoll und nachsichtig sein?
♥ Würdest du generell eher fordernd oder eher hilfsbereit sein?
♥ Würdest du, wie sonst alltäglich, völlig “normal” mit ihr umgehen oder wegen der Krankheit eher mitfühlend oder vielleicht sogar mitleidend sein?
♥ Und die wichtigste Frage: Würdest du der Person umso mehr deine Liebe zeigen?

Offensichtlich würdest du das tun.

Denn Nachsicht, Fürsorge, Verständnis, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft sind genau das, was erkrankte Menschen von uns brauchen. Und erst recht brauchen sie unsere Liebe.

Aber wie sieht das Ganze bei Krankheiten aus, die man nicht sieht? Wie sieht es mit Krankheiten bzw. viel mehr Verletzungen aus, die im Herzen unserer Liebsten sind? Wie zum Beispiel: Selbstzweifel, Erinnerungen und Erfahrungen, die emotionale Narben hinterlassen haben, eine schwierige Kindheit, die nachhallt, ein geringes Selbstwertgefühl und dergleichen?! Sind wir da ebenfalls verständnisvoll, nachsichtig, fürsorglich, mitfühlend und hilfsbereit? Sind wir da auch in der Liebe? Oder verhalten wir uns hier “ganz normal”, als ob nichts wäre?

… (Denkpause) … 

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Diese und ähnliche Fragen sollte sich jeder von uns stellen, weil es leider eine grundsätzliche Schwäche von uns Menschen ist, dass wir das, was wir nicht sehen, im wahrsten Sinne des Wortes: übersehen!

Das heißt in diesem Fall: Wir sehen einen äußerlich gesunden Menschen, aber entweder übersehen wir dabei, wie es im Inneren aussieht oder wir sehen durchaus die Krankheit im Herzen, aber vernachlässigen diese mit der Zeit. Dieses “Übersehen” oder “Sehen, aber mit der Zeit vergessen” führt dann häufig dazu, dass wir das tun, was wir sonst bei einem körperlich erkrankten Menschen eher nicht oder sogar niemals tun würden: Wir gehen nämlich “ganz normal” mit der Person um, als ob nichts wäre. Als wäre sie “kerngesund”. Das ist sie aber nicht!
Darunter leiden dann logischerweise die zuvor erwähnten Punkte, wie Nachsicht, Fürsorge, Hilfsbereitschaft und Verständnis. Und dann eben auch meist die Liebe, die die verletzte Person aber ganz besonders nötig hat – noch mehr, als wenn sie körperlich schwach wäre!

In anderen Worten: Da innere Verletzungen nicht immer sichtbar sind bzw. eben “übersehen oder vergessen” werden, zeigen wir bei unseren Liebsten eher bei einer äußeren Krankheit Nachsicht, aber bei inneren Verletzungen (die oft mit wesentlich mehr Leid verbunden sind!!) verlieren wir die Fürsorge und das Mitgefühl immer wieder aus den Augen. Aber genau da müssten wir uns umso mehr um den innerlich verletzten Menschen kümmern, verständnisvoll sein, eine Engelsgeduld an den Tag legen und eben in Liebe agieren. 

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Das Paradoxe und Schlimme an dem Ganzen ist, dass wir die inneren Verletzungen am ehesten bei denjenigen Menschen wahrnehmen, die uns am nächsten stehen, aber dann auch bei ihnen am ehesten mit der Zeit aus den Augen verlieren.

Nehmen wir uns dazu die Ehe als Beispiel:
Wenn da der eine oder gar beide mit Selbstzweifel, einer nicht so schönen Vergangenheit, Herzenswunden oder mit einem geringen Selbstwertgefühl zu kämpfen haben (oder mit allem auf einmal), hat man da die inneren Verletzungen des Partners stets vor Augen, wie bei einer körperlichen Krankheit? Reagiert und agiert man in Verständnis, Nachsicht, Geduld, mit Mitgefühl und Liebe? Hat man im Fokus, dem anderen, der leidet, Freude in den Alltag zu bringen? Als ein bewusstes Vorhaben? Oder verhält man sich eher “normal”? 

… (Denkpause) … 

Damit wir nicht in diese Falle der Vergesslichkeit tappen, bräuchte man so etwas wie einen “durchsichtigen Brustkorb”, durch den man stets die Verletzungen, Wunden und Narben unserer Liebsten vor Augen hat. Das würde helfen.

Zumindest eine zeitlang.

Denn mit jedem Tag, der vergeht, würde irgendwann eine weitere, schlimme Schwäche von uns Menschen zum Vorschein kommen:
Alles würde mit der Zeit irgendwie zur Normalität werden! Sogar der offene Brustkorb. So wie der Vorsatz, den man sich an den Kühlschrank hängt. Man nimmt ihn die ersten Tage bewusst wahr und mit der Zeit blendet man ihn mehr und mehr aus. Und weil das alles so ist, würde dann auch irgendwann der Effekt des offenen Brustkorbs mehr und mehr verschwinden.

Wie kann man das so sicher sagen?

Weil man oft genug – auch ohne offenen Brustkorb – um die Verletzungen seiner Nächsten weiß. Dennoch frisst der Alltag diese Tatsache irgendwie auf. Die Nachsicht und das “verständnisvoll sein” gehen mehr und mehr flöten. Dadurch reagiert und agiert man hier und da dann – trotz der Verletzungen des Nächsten – fordernd, genervt und leider zu oft auch lieblos. Das sagen wir nicht mit einem Fingerzeig, sondern wir schließen uns da natürlich mit ein. Voll und ganz.

Aber Gott sei es gedankt, haben wir alle ein Vorbild, an dem wir uns für diese Dinge  orientieren können. Er sagt zu denjenigen, die Lasten in ihren Herzen tragen:

Mt 11,28 Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken!

Unser Herr lädt ein, wir stoßen manchmal eher ab. Denn oft geht es bei uns darum, was wir wollen, was wir von unseren Nächsten erwarten, wie wir wollen, dass etwas gemacht wird und wie nicht. Egoistisch und im Grunde ziemlich ekelhaft …
Aber so ist es leider. Immer wieder mal – wenn wir die Verletzungen unserer Nächsten nicht stets vor Augen haben. 

Im Grunde kann man zu dem Ganzen sagen, dass hier zwei der markantesten Seiten von uns Menschen gegeneinander ankämpfen:
Die eine ist die egoistische Seite und die andere die selbstlose, empathische, hilfsbereite. Die eine sucht das eigene, die andere das des Nächsten. Die eine Seite vernachlässigt und vergisst die inneren Verletzungen des Nächsten, die andere geht verständnisvoll, geduldig und liebevoll mit ihr um – und das im Grunde sogar, ohne großartig darüber nachzudenken. Denn diese Seite in uns hilft dem Nächsten einfach, wenn man jemanden leiden sieht. Eine wundervolle Eigenschaft, die Gott da in unser Herz gepflanzt hat. Wenn wir sie denn nutzen.

… (Denkpause) … 

Man kann diese beiden Seiten noch auf eine andere, biblische Weise beschreiben:
Die eine Seite ist Fleisch, die andere Geist. Für sie beide gilt:

Gal 5,17 Das Fleisch gelüstet gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; und diese widerstreben einander, sodass ihr nicht das tut, was ihr wollt.

Es gibt nur wenige Bereiche unseres Lebens, bei denen dieser Vers zutreffender ist, als bei unserem Thema hier. Denn durchaus will man ja im Geist, also in Geduld, Sanftmut, Freundlichkeit, Frieden, Güte, Treue, Selbstbeherrschung und Liebe handeln, aber man tut es nicht. Zumindest nicht immer. Manchmal fügt man den Liebsten sogar – wenn man “im Fleisch” handelt – noch neue Verletzungen hinzu oder öffnet alte Wunden.

Das Traurige daran ist,
dass es Menschen “in der Welt” gibt,
die uns das (ganz ohne den Heiligen Geist Gottes!) richtig vormachen!
Beschämend …

… da ja eigentlich der Gläubige, der sog. “neue Mensch in Christus” es besser wissen müsste! Er müsste es eigentlich schaffen, sein Fleisch zu bezwingen und seine alte, egoistische Natur immer wieder aufs Neue zu bekämpfen, sodass er immer mehr im Geist und in der Liebe wandeln kann. Gegenüber allen Menschen. Am meisten aber gegenüber denen, die mühselig und beladen sind!

Denn wenn geschrieben steht:

Ps 147,3 Der HERR heilt diejenigen, die zerbrochenen Herzens sind, und verbindet ihre Wunden.

… macht unser himmlischer Vater das am ehesten durch unsere Liebe untereinander, d.h. er heilt seine Kinder durch seine Kinder.

Das könnte mitunter auch das Wunder sein, wovon unser Herr redet, wenn er sagt:

Joh 14,12 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun, weil ich zu meinem Vater gehe.

Und diejenigen, die zerbrochenen Herzens sind, Wunden in ihrem Innersten tragen und daher eben Heilung benötigen, finden sich nicht nur bei irgendwelchen Psychologen, sondern es sind oft “unsere eigenen Nächsten”.

Und sie sollen und müssen wir lieben. Denn das ist das Endziel von allem. Das höchste Gebot:

1Tim 1,5 Das Endziel des Gebotes ist Liebe aus reinem Herzen …