Die generelle Gefahr bei Vermutungen
Wie wir soeben gesehen haben, basieren unsere Vermutungen meist auf Erfahrungen, die wir gemacht haben – sei es mit einer speziellen Person oder allgemein mit allen, die wir in unserem Leben kennengelernt haben. Da wir Menschen aber sowohl irgendwie alle gleich, aber auch doch völlig unterschiedlich sind, können wir mit unseren diversen Vermutungen nicht von uns oder von einer Person auf eine andere schließen. Tun wir das aber dennoch, kann es sein, dass wir falsch liegen.
Aber das ist nicht die einzige Fehlerquelle für falsche Vermutungen, sondern auch Missverständnisse, nicht wahrheitsgemäß weitergetragene Informationen oder falsch interpretierte Situationen führen dazu, dass wir mit unseren Vermutungen daneben liegen.
Das, was wir uns in diesem Zusammenhang vor Augen führen müssen, ist, dass die Konsequenzen aus unseren falschen Vermutungen – je nach Situation und Person – harmlos bis hin zu verheerend sein können.
Dazu ein paar stichpunktartige Beispiele, die diese Gefahr in Ansätzen veranschaulichen sollen:
⧫ Jemand bildet sich ein, dass er nicht angenommen und geliebt ist, sondern man ihn eher ausgrenzt, übergeht, nicht ernst nimmt und dergleichen. Dadurch interpretiert diese Person alles Mögliche, was passiert, was gesagt oder was getan wird, Mimik, Gestik, alles immer in diese negative Richtung.
⧫ Jemand ist leicht beeinflussbar und kommt neu zum Glauben. Freund und Familie können den neu gefundenen Glauben aber nicht ernst nehmen, weil sie denken, dass der-/diejenige wieder einmal nur verführt wurde. Die Person hat dann kaum eine Chance gegen diese Vermutungen. Es könnte sogar so weit gehen, dass selbst wenn er/sie jahrelang ein lebendiges Zeugnis ist, man immer noch nur die Manipulation anderer im Kopf hat (was verständlich ist und zu einem gewissen Teil ja auch die Sorge der Freunde und der Familie widerspiegelt).
⧫ Eine Person ist bekannt dafür, dass sie häufiger mal ihre Zunge nicht unter Kontrolle hat. Dann wird ein negatives Detail über jemanden bekannt und man geht sofort davon aus, dass die Person mit der losen Zunge gelästert haben muss.
⧫ Man vermutet bei jemandem z.B. Neid, böse Absichten, einen Konkurrenzkampf oder egoistische Motive. Dementsprechend interpretiert man jede Handlung entsprechend dieser Vermutung. So kommt es dann vermehrt dazu, was man eine “sich selbst erfüllende Prophezeiung” nennt.
⧫ Zwei Personen haben zwei unterschiedliche Probleme, die kaum oder gar nichts miteinander zu tun haben. Die eine Person redet mehr über das eine, die andere Person mehr über das andere Problem. Da aber keine saubere Kommunikation stattfindet, wird vieles, was gesagt und getan wird, falsch interpretiert und somit werden beim Gegenüber Motive vermutet, die gar nicht vorhanden sind.
⧫ Letztes Beispiel: Der verlorene Sohn aus Lk 15.
Hier stellen wir uns vor, dass der zweite, daheimgebliebene Sohn in dem Gleichnis dem zurückkehrenden Sohn keine wahre Buße unterstellt. Dadurch wird alles, was der verlorene Sohn ab jetzt Gutes tut, durch den zweiten Sohn, seinen Bruder, hinterfragt. So sehr hinterfragt, dass er sich denkt, dass sein Bruder all das nur tut, um wieder an das Geld des Vaters zu kommen, sodass er erneut abhauen und alles verprassen kann. Und nicht nur das, sondern gegenüber dem Papa hat der zweite Sohn dann auch Vermutungen, wie z.B., dass er seinen Bruder mehr lieb hat als ihn. Kurz gesagt: Es entstehen durch eine falsche Vermutung gleich mehrere größere zwischenmenschliche Probleme.
Das waren nur ein paar Beispiele, wie falsche Vermutungen Schaden anrichten können. Manche dieser Situationen hat der eine oder andere vielleicht sogar schon selbst einmal erlebt.
Nimm dir an dieser Stelle bitte kurz die Zeit (und wenn es nur eine Minute ist) und rufe dir ähnliche Situationen aus deiner Erinnerung hervor. So kannst du das gleich Folgende viel besser und praktischer auf dich selbst anwenden.
