Gefährliche Kombination: Vermutungen, Menschenkenntnis und das böse Herz
Ist dir schon mal aufgefallen, dass die meisten Vermutungen einen negativen Kontext haben?
“Ich denke, er verheimlicht etwas!”
“Ich vermute, sie hat das nur gesagt, weil sie will, dass andere mitbekommen, wie toll sie ist!”
“Das kann nicht stimmen, was er da gesagt hat!”
“Ist dir aufgefallen, wie sie geguckt hat?”
“Wahrscheinlich versucht er, seinen eigenen Fehler zu vertuschen und hat nur deswegen so reagiert!” – usw., usf.
Sicherlich kommen dir diese und ähnliche Aussagen bekannt vor. Aber warum ist das so?

Warum haben Vermutungen in den meisten Fällen
einen negativen Kontext?
Die Antwort lautet, dass es in der Natur der Sache liegt. Das heißt, die Natur des Menschen ist der Grund, warum Vermutungen meist mit negativen Dingen zu tun haben.
Noch genauer ausgedrückt: Das Böse und Trügerische im Herzen des Menschen (Jer 17,9) führt im Alltag immer wieder dazu, dass dieses Böse und Trügerische zum Vorschein kommt. Denn aus der Fülle des Herzens redet der Mund.
Nehmen wir dazu einfach mal nur die soeben genannten Beispiele:
- “Ich denke, er verheimlicht etwas!”
Natürlich verheimlichen Menschen ab und an Dinge, u.a. auch, damit ihre bösen Taten nicht enttarnt werden. - “Ich vermute, sie hat das nur gesagt, weil sie will, dass andere mitbekommen, wie toll sie ist!”
Natürlich sagt der Mensch ab und an Dinge, damit andere sehen, was man ach so Tolles geleistet hat. - “Das kann nicht stimmen, was er da gesagt hat!”
Natürlich ist es so, dass Menschen ab und an flunkern oder sogar lügen. - “Ist dir aufgefallen, wie sie geguckt hat?”
Natürlich gucken Menschen ab und an, sagen wir mal, “seltsam” daher (z.B. neidisch, vorwurfsvoll, missgünstig, anklagend und dergleichen). - “Wahrscheinlich versucht er, seinen eigenen Fehler zu vertuschen und hat nur deswegen so reagiert!”
Natürlich versuchen Menschen ab und zu, ihre Fehler zu vertuschen, auf andere zu schieben und sich rauszureden.
Das sind – leider – ganz typische Eigenschaften des alten, gefallenen Menschen. Und diese “alte Natur” kommt immer dann zum Vorschein, wenn man nicht im Geist, sondern im Fleisch wandelt. Und da jeder von uns ein Leben lang diese gefallene Natur des Menschen bei sich selbst und anderen immer und immer und immer wieder erlebt und erfahren hat, kann man sich gegen Vermutungen dieser Art quasi gar nicht wehren. Sie sind, wie eingangs erwähnt, ganz automatisch und ohne dass wir uns dagegen wehren können, sofort da.
Daher ja auch die Antwort auf die Frage:
Es liegt in der Natur der Sache, dass Vermutungen in den allermeisten Fällen einen negativen Kontext haben, denn das ist – bewusst oder unbewusst – die Erfahrung, die wir ein Leben lang gemacht haben.
Sprich, unsere Vermutungen entspringen unserer
Lebenserfahrung und Menschenkenntnis.
Jetzt könnte man einwenden: “Aber Menschenkenntnis ist doch eine gute Sache. Und je ausgeprägter sie ist, desto besser ist es doch, oder?”
Jein!
“Ja”, Menschenkenntnis ist etwas Gutes, wenn man sie richtig einsetzt.
Aber die Antwort lautet klar “Nein”, wenn man nicht vorsichtig im Umgang mit ihr ist. Erst recht, wenn man meint, dass jede Vermutung eine extrem hohe Wahrscheinlichkeit hat, richtig zu sein oder gar der Wahrheit entsprechen müsse.
Hinzukommt noch, dass eine Vermutung durchaus richtig sein kann, aber der wahre Grund viel tiefer begraben liegt.
Zur Veranschaulichung, was genau damit gemeint ist, gehen wir auf zwei der zuvor genannten Situationen zurück:
Jemand verheimlicht etwas, aber nicht aus böser Absicht, sondern aus guter, nämlich um jemand anderen zu schützen. Das heißt, dass die Vermutung, dass die Person etwas verheimlicht, stimmt, aber die sich daraus ergebende schlussfolgernde Vermutung, warum sie es tut, ist falsch.
Das andere anschauliche Beispiel ist, dass jemand ab und zu unterschwellig und geschickt Dinge sagt, um von anderen gesehen zu werden und Lob zu ernten. Aber warum macht die Person das? Weil sie hochmütig ist und denkt, dass sie die Tollste und Beste sei? Oder macht sie das, weil sie ein geringes Selbstwertgefühl hat und sich nach Aufmerksamkeit und Annahme, ja, wahrscheinlich sogar nach Liebe sehnt? Oder eine Mischung aus beidem?
Auch hier würde die Vermutung stimmen, dass die Person, bei dem was sie sagt, durchaus einen Hintergedanken hat, aber die sich daraus ergebende schlussfolgernde Vermutung, warum sie es tut, ist nicht ganz richtig oder sogar komplett falsch. Und das kann dann, gelinde gesagt, “unschöne” Konsequenzen haben, indem man z.B. den “Hilfeschrei nach Aufmerksamkeit und Liebe” überhört und Hochmut und Arroganz unterstellt. Dadurch wird man dann alles andere als in der göttlichen Liebe zu der Person sein. Und diese lieblose Art kann dann wiederum zu ganz anderen Problemen führen usw.
Mit diesem Punkt wären wir dann erneut bei der offensichtlichen und generellen Gefahr angekommen, die da eben ist, dass wir mit unseren Vermutungen falsch liegen können. Jetzt aber nicht nur bei der grundsätzlichen ersten Vermutung, sondern auch bei der sich daraus ergebenden Vermutung (z.B. eben hinsichtlich der wahren Beweggründe).
Daher gilt für uns alle:

Wir dürfen Vermutungen haben,
aber wie wir mit diesen Vermutungen umgehen,
ist das Entscheidende.
…
Eine weitere schlummernde Gefahr bei Vermutungen ist, dass je häufiger man mit ihnen richtig lag, desto geringeren Spielraum für Fehler gibt man sich selbst. Dieser Spielraum für Fehler wird dann noch geringer, wenn die Situation einer früheren Situation ähnelt oder gar gleicht. Und noch, noch geringer wird der Spielraum, wenn dabei ein festgefahrenes Bild bestätigt wird, das man von einer bestimmten Person hat. Dann ist meist sowieso “alles sofort klar”!
Da, wie zuvor erwähnt, viele dieser Vermutungen und Schlussfolgerungen quasi ganz automatisch in unsere Köpfe schießen, benötigt es daher umso mehr unsere Aufmerksamkeit und Vorsicht. Passender sogar: unsere Alarmbereitschaft.
Das heißt, wir müssen uns selbst dafür sensibilisieren (!), wann und bei welchen Situationen und Personen wir Vermutungen anstellen. Denn es kann sein, dass wir unsere “Lieblinge” haben. Einmal unsere Lieblinge bei ganz speziellen Vermutungen, die wir immer wieder gerne unseren Mitmenschen unterstellen, und einmal unsere Lieblinge hinsichtlich ganz bestimmter Personen, bei denen wir immer wieder ganz bestimmte Dinge vermuten. Auch hier wieder – leider und logischerweise – in einem negativen Kontext!
Daher ist es wichtig, dass wir die Tragweite dieses Themas und die damit verbundenen Gefahren erkennen und äußerst vorsichtig sind bzw. es werden.
Und wie es bei jeder Gefahr der Fall ist, gilt auch hier:
Je dringlicher und bewusster ich die Gefahr erkenne,

desto eher werde ich etwas dagegen tun.
Ist kaum bis keine Dringlichkeit vorhanden,
wird auch kaum bis keine Veränderung stattfinden.
