Die einzigen beiden Verse zum Gebot
3Mo 19,19 Meine Satzungen sollt ihr halten. Dein Vieh von zweierlei Art sollst du sich nicht begatten lassen; dein Feld sollst du nicht mit zweierlei Samen besäen, und ein Kleid, aus zweierlei Stoff gewebt, soll nicht auf dich kommen.
5Mo 22,11 Du sollst nichts aus verschiedenartigem Stoff anziehen, Wolle und Leinen zusammen.
Um besser zu verstehen, was da im Text ganz genau steht, müssen wir die Übersetzung an den hebräischen Grundtext angleichen. Dabei geht es nicht darum, dass wir es irgendwie besser wissen als die Übersetzer, sondern es geht darum, dass verschiedene Bibeln ein und denselben hebräischen Grundtext anders übersetzen. Zum Beispiel steht da nichts von einer “zwei” im Text. Das Wort “zweierlei” übersetzen daher andere Bibeln völlig losgelöst von der Zahl “zwei” mit: “mancherlei, anderlei, allerlei” und dergleichen.
Die Worte “Art” als auch “Samen” stehen wiederum gar nicht im Text. Das heißt, dass es Wort für Wort übersetzt, wie folgt heißt: “Dein Vieh von mancherlei sollst du nicht …” und “dein Feld sollst du nicht mit mancherlei besäen”.
Natürlich machen die Einschübe der Wörter “Art” und “Samen” an der Stelle Sinn, aber dennoch ist es nicht unwichtig, dass sie da nicht stehen. Warum? Weil, würde man dieser, nennen wir sie, “Übersetzungslogik” folgen, dürfte bei ”aus zweierlei Stoff gewebt” das Wort “Stoff” auch nicht dastehen.
Das Ganze noch einmal anders ausgedrückt, damit man es nicht missversteht:
- Bei “mancherlei Art begatten” steht das Verb “begatten” da, aber das Nomen “Art” nicht.
- Genauso ist es auch bei “mancherlei Samen besäen”. Das Verb “besäen” steht da, aber das Nomen “Samen” nicht.
- Bei “mancherlei Stoff gewebt” wiederum steht weder das Nomen “Stoff” noch das Verb “gewebt” da, sondern für beides zusammengenommen wird nur ein einziges Wort genutzt: “scha’atnez”.
Wenn man nun alle diese durchaus nicht unwichtigen Punkte bei der Übersetzung berücksichtigt, lautet die für unsere Betrachtung entscheidende Stelle des Verses wie folgt:
… ein Kleid, aus mancherlei “scha’atnez”, soll nicht auf dich kommen.
Aber was genau bedeutet das?
Dazu schauen wir uns die zweite Stelle aus 5Mo 22,11 an; denn auch da steht – natürlich nicht zufällig – dasselbe Wort; d.h.: …
Du sollst nichts aus verschiedenartigem Stoff anziehen, Wolle und Leinen zusammen.
… steht da eigentlich nicht, denn hinter der deutschen Übersetzung ”verschiedenartigem Stoff” verbirgt sich erneut einzig und allein dasselbe hebräische Wort aus 3Mo 19,19: “scha’atnez”. Das heißt, dass da an beiden Stellen eigentlich Folgendes steht:
3Mo 19,19 … ein Kleid, aus mancherlei “scha’atnez”, soll nicht auf dich kommen.
5Mo 22,11 Du sollst nicht “scha’atnez” anziehen, Wolle und Leinen zusammen.
Nun ist es so, dass das die einzigen beiden Stellen im gesamten Alten Testament sind, wo dieses Wort vorkommt. Es gibt dazu auch keine Wortwurzel, wie es sonst üblich ist und auch keine genaue Ableitung oder Herkunft. Wobei schon irgendwie, aber das ist einer der zuvor erwähnten Punkte, die den Rahmen sprengen und gleichzeitig den einen verwirren, den anderen aber bestärken würden.
Hier an dieser Stelle ist es erst einmal wichtig (und das ist logischerweise immer das Wichtigste!), dass der Text selbst das Wort irgendwie zu definieren scheint: denn da steht ja direkt im Anschluss an das “scha’atnez”: ”Wolle und Leinen zusammen.”
Jetzt könnte man sich fragen:
Reicht das nicht? Ist das Thema damit nicht durch? Ist dadurch nicht eindeutig klar, dass dieses Verbot sich nur auf die Mischung von Wolle und Leinen bezieht?
Ja und nein, denn darauf könnte man einwenden:
“Was ist, wenn ‘Wolle und Leinen’ keine Definition von ‘scha’atnez’ ist, sondern nur ein Beispiel dafür? Woher weiß man genau, welches von diesen beiden Möglichkeiten die richtige ist? Beispiel oder Definition?”
Und anlehnend daran (oder auch ganz ganz unabhängig davon!), sollte man sich ganz grundsätzlich die Frage stellen:
“Warum überhaupt dieses Verbot? Was hat es damit auf sich? Was ist der Grund dafür, dass unser Schöpfer uns dieses Gebot gegeben hat?”
Mit diesen Fragen meinen wir nicht irgendwelche geistlichen Interpretationen (wofür das Verbot der Vermischung, die Wolle und das Leinen irgendwie geistlich stehen könnten oder so), sondern erst einmal geht es um das Gebot an sich – ganz genau so wie es dasteht. Das heißt also: Was ist verkehrt daran, irgendwelche Stoffe oder eben insbesondere Wolle und Leinen miteinander zu mischen? Das muss ja einen sinnigen Grund haben! Was ist dieser Grund?
