Glossar – Gemischte Kleidung

Mögliche Fragen, die aufkommen könnten

Wenn die priesterliche Kleidung in ihrer Mischung nicht nachgemacht werden darf, wieso wird dann bei “scha’atnez” nicht auch das Gold mit ausgeschlossen?

Die Frage macht natürlich Sinn. Aber diese Art Einwand könnte man bei vielen Stellen in der Torah bringen, wie z.B. hier:

5Mo 17,14.17  Wenn du in das Land kommst, das der HERR, dein Gott, dir gibt, und es in Besitz nimmst und darin wohnst und dann sagst: »Ich will einen König über mich setzen, wie alle Heidenvölker, die um mich her sind!«, … Er soll auch nicht viele Frauen nehmen, damit sein Herz nicht auf Abwege gerät; auch soll er sich nicht zu viel Silber und Gold aufhäufen.

Hier lesen wir davon, dass ein König sich nicht viele Frauen nehmen und sich nicht zu viel Silber und Gold anhäufen soll.

Auch hier könnte man also auf die exakt selbe Art und Weise einwenden:
“Wieso steht da nichts davon, dass auch ein normaler Israelit das nicht machen soll? Wenn es für den König nicht gut ist, dann doch sicherlich auch nicht für alle anderen, oder?”

Natürlich, aber der Text sagt dennoch erst einmal nur “König” und nichts von einem Israeliten. Warum? Wahrscheinlich aus demselben Grund, warum der Text bei der Kleidung nichts von Gold sagt: Weil diese Dinge äußerst, äußerst unwahrscheinlich für einen normalen Israeliten waren. Anders ausgedrückt: Natürlich ist es rein prinzipiell möglich, dass jemand aus dem Volk sich viel Silber und Gold anhäuft und sich viele Frauen nimmt, genauso wie jemand sich Goldfäden in seine Kleider machen lassen kann, aber das wäre dann alles andere als der Regelfall, sondern es wäre eine absolute Ausnahme. Wenn die Torah aber auf jeden Extremfall, auf jede noch so unwahrscheinliche Ausnahme jedes Mal und an jeder Stelle eingehen würde, bräuchten wir nicht fünf, sondern fünfhundert Bücher Mose.

Die Torah ist aber eine lebendige Weisung, die uns durch wenige Worte umfassende und weitreichende göttliche Prinzipien aufzeigt. Sie ist kein starres Regelwerk, wo jedes noch so unwahrscheinliche Ereignis und jede noch so seltsame Eventualität des Alltags mit berücksichtigt wird. So sind die menschlichen Gesetzesbücher der Welt, aber nicht die göttliche Torah.

… 

Was für eine Art Wolle ist gemeint? Tierische Wolle oder auch Baumwolle?

Bei dieser Frage kommt die Herausforderung für uns Deutschsprachige, denn nur im Deutschen gibt es überhaupt erst die Möglichkeit für diese Verwechslung.

Was damit gemeint ist, kurz anhand einer kleinen Gegenüberstellung erklärt, die die jeweiligen Wörter in den sog. Weltsprachen auflistet:

Leinen Wolle Baumwolle
englisch linen wool cotton
spanisch lino lana algodon
französisch lin laine coton
hebräisch bad / pischteh tzemer kutnah

Wie man sehen kann, gibt es nur im Deutschen eine Verwechslungsgefahr. Das heißt, dass kein Engländer, Spanier, Franzose oder eben auch kein Hebräer sich diese Frage stellen würde, denn das eine (tierische Wolle) hat absolut nichts mit dem anderen (Baumwolle) zu tun. Da bei uns aber das Wort “Wolle” sowohl das eine als auch das andere meinen kann, kommt diese Frage bei uns überhaupt erst auf.

Anders ausgedrückt: Ein Engländer oder Amerikaner liest wool and linenund kommt daher nicht auf die Idee nach “cotton” zu fragen. Das wäre so, wie wenn wir bei Wolle und Leinen uns fragen würden, ob durch das Wort “Wolle” z.B. auch “Seide” gemeint sein könnte. So etwas Absurdes würde uns erst gar nicht in den Sinn kommen; und genau so würde es keinem Hebräer in den Sinn kommen, danach zu fragen, ob durch “tzemer” auch “kutnah” gemeint sein könnte. Das wäre für ihn genauso absurd, wie für uns, bei der Wolle nach der Seide zu fragen.

Was wir an dieser Stelle zu 100% sagen können, ist:
Bei dem Verbot “Wolle und Leinen nicht zu mischen” geht es nicht um Baumwolle, sondern einzig und allein um tierische Wolle. Das ist nicht nur deswegen klar, weil das Volk Israel in der Wüste keine Baumwoll-Plantagen angebaut hat, auch nicht deswegen, weil sie einfach Schafe und Ziegen in Mengen hatten und sie das Fell dieser Tiere natürlich für Kleidung und ähnliches nutzten, sondern einfach nur weil es sprachlich als auch biblisch zu 100% klar ist.

2Kö 3,4 Mesa, der König der Moabiter, war ein Schafzüchter und entrichtete als Abgabe dem König von Israel 100.000 Lämmer und 100.000 Widder samt der Wolle (hebr. “tzemer”, also dasselbe Wort wie in 5Mo 22,11).

5Mo 22,11 Du sollst nichts aus verschiedenartigem Stoff anziehen, Wolle (tzemer) und Leinen zusammen.

Wieso wird scha’atnez nicht sofort in 3Mo 19,19, sondern erst später in 5Mo 22,11 erklärt?

Die Besonderheit, dass etwas in der Heiligen Schrift genannt wird, es dann aber nicht sofort an der ersten Stelle eine genaue Definition erhält, sondern erst später, ist ein Muster, das immer wieder vorkommt. So natürlich auch in der Torah.

Hier ein Beispiel dazu:

3Mo 3,1 Und wenn seine Opfergabe ein Friedensopfer ist: Wenn er sie von den Rindern darbringt, es sei ein Männliches oder ein Weibliches, so soll er sie ohne Fehl vor dem HERRN darbringen.

Hier lesen wir davon, dass das Friedensopfer ohne Fehl sein soll. Aber was genau bedeutet das? Was wäre ein “Fehl” bzw. Makel? Da es sich um ein Opfer im Heiligtum handelt, wäre das wichtig zu wissen. Dennoch steht da keine genaue Beschreibung.

Diese lesen wir erst knapp 20 Kapitel später:

3Mo 22,21-22 Und wenn jemand dem HERRN ein Friedensopfer darbringt, um ein Gelübde zu erfüllen, oder als freiwillige Gabe vom Rind oder vom Kleinvieh: Ohne Fehl soll es sein, zum Wohlgefallen; keinerlei Gebrechen soll an ihm sein: Ein blindes oder verletztes oder verstümmeltes Tier, oder eines, das Geschwüre oder die Krätze oder die Flechte hat, diese sollt ihr dem HERRN nicht darbringen, und sollt dem HERRN keine Feueropfer davon auf den Altar geben.

Das ohne Fehlaus dem 3. Kapitel wird also erst hier im 22. genau definiert.

Dieses Muster, dass die genauen göttlichen Definitionen später (oder sogar viele davon erst im 5. Buch Mose gegeben werden), ist nichts Außergewöhnliches. Nicht umsonst lesen wir direkt zu Beginn des fünften Buches diesen Vers hier:

5Mo 1,5 Diesseits des Jordan, im Land Moab, fing Mose an, dieses Gesetz auszulegen, indem er sprach: … 

Das hebräische Wort für “auslegen” bedeutet, es verständlich zu machen, deutlich zu erklären und dergleichen. Mose machte also der zweiten Generation, bevor sie ins Land kamen, gewisse Gebote noch einmal genau klar.
Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass wir nicht sofort in 3Mo 19,19 die Definition von scha’atnez erklärt bekommen, sondern erst später. Daher noch einmal abschließend der Vers zu dieser Frage:

5Mo 22,11 Du sollst nicht “scha’atnez” anziehen, Wolle und Leinen zusammen.