“Was denken andere über mich?”
Im zuvor gesehenen Teufelskreis kommt an der Stelle, wo der Mensch die mangelnde erfahrene Liebe im Leben auszugleichen versucht, irgendwann der Punkt, dass die betroffene Person gesehen werden will und nach Anerkennung und Liebe hascht. Bei diesem Versuch, dass andere einen “sehen” sollen, wird es dann für die Person auch ganz automatisch wichtig, was andere über einen denken.
Wir möchten diese vermeintlich harmlos wirkende Frage (“Was denken andere über mich?”) dafür nutzen, um die immer wiederkehrenden Denk- und Verhaltensmuster dabei aufzuzeigen (oder besser gesagt: diese Muster zu “enttarnen”!), um so wiederum unser Thema hier greifbarer zu machen. Das wird dann ganz automatisch dazu führen, dass man sich selbst und andere, die mit verletzten Herzen zu kämpfen haben, besser erkennt … und auf diese Weise dann verständnisvoller ist – mit sich selbst und mit anderen.
Beginnen wollen wir das Ganze mit einer Behauptung, die man für sich selbst prüfen kann:
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, sogar sehr groß, dass jeder, der sich immer wieder die Frage stellt, was andere über einen denken, mit seinem Selbstwertgefühl zu kämpfen hat und/oder ein verletztes Herz hat.
Warum?
Aus vielen Gründen, aber vor allem deswegen, weil die Frage unmittelbar mit einer Be-wert-ung zu tun hat. Sprich, durch das, was andere über einen denken, ist unmittelbar das eigene Selbst-wert-gefühl betroffen.
Dazu eine Art Gleichnis:
Dabei geht es darum, dass man sich zwei Szenarien vorstellt, in denen eine Person ein und dieselben Eigenschaften in einem bestimmten Bereich hat, wie z.B. ein erfolgreicher Verkäufer in einem Unternehmen oder ein erfolgreicher Sportler in einem Verein usw. Such dir etwas aus. Wir bleiben mal beim Verkäufer.
Nun stelle man sich dazu vor, dass dieser erfolgreiche Verkäufer in einem kleinen Unternehmen ist, wo er einen Löwenanteil dazu beiträgt, dass die Geschäfte gut laufen und das Unternehmen erfolgreich ist. Dann stelle man sich ein und dieselbe Person mit ein und denselben guten Verkäufer-Fähigkeiten in einem riesigen Unternehmen vor, wo es zum einen andere sehr gute und bessere Verkäufer gibt und zum anderen, dass sein Anteil zum Erfolg des Unternehmens nicht ansatzweise so groß ist, wie beim ersten Szenario.
Nun stellen wir uns für beide Situationen vor, dass der Chef etwas Ermahnendes zu dieser Person sagt. Nichts Wildes, aber auch keine Kleinigkeit. Vielleicht so etwas wie: “Bei dem Gespräch mit dem Kunden hast du dieses und jenes gesagt und das hättest du besser machen können.”
In dem Szenario, wo der Verkäufer eine Säule des Unternehmens ist, um seinen großen Beitrag zum Erfolg des Unternehmens weiß, sich der Anerkennung des Chefs sicher ist und er im Vergleich zu allen anderen Verkäufern der Beste ist, wird er die Worte des Chefs aufnehmen und sagen: “Ja, stimmt.”
In dem anderen Szenario hingegen, wo er keinen großen Beitrag leistet, wo er der Anerkennung des Chefs nicht so sicher ist und es bessere Verkäufer gibt, wird er ganz anders mit den Worten des Chefs umgehen.
Warum?
Hauptsächlich darum, weil der Selbstwert, den er sich gibt, unterschiedlich ist. Obwohl in beiden Szenarien sein Können als Verkäufer exakt derselbe ist, ist das damit verbundene Selbstwertgefühl völlig anders. Der eine ist sich seiner selbst als Verkäufer sicher, der andere unsicher. Der eine hat ein gesundes Selbstwertgefühl, der andere ein ungesundes, unsicheres.
Dadurch reagiert die Person dann auch völlig anders:
Bei dem ersten Fall wird er so gut wie gar keine Bewertung seiner selbst und seines Könnens als Verkäufer wahrnehmen. Daher wird er ganz gelassen, nüchtern und sachlich reagieren und den Hinweis des Chefs einfach aufnehmen. Ihn wird auch nicht die Frage plagen, was sein Chef über ihn denkt, weil er sich eben seiner Annahme und Wertschätzung sicher ist.
In der zweiten Situation sieht das Ganze ganz anders aus. Da wird man nicht locker mit der Ermahnung des Chefs umgehen, sondern man wird sich bewertet, vielleicht sogar entwertet fühlen. Und dann auch gleich nicht nur als Verkäufer, sondern auch als Mensch. Da kann es bei dem einen oder anderen sogar dazu kommen, dass man sich denkt: “Ich kann nichts. Ich bin kein guter Verkäufer.”, obwohl man es ist. Das wiederum wird dazu führen, dass die Frage, was der Chef (als auch andere im Unternehmen) bei der nächsten und übernächsten und über-übernächsten Situation noch so von einem denken, immer mehr an Wichtigkeit zunimmt.
Man erkennt schnell, dass der Wert, den man sich selbst gibt und wie man sich dann dabei fühlt – eben erneut das “Selbst-wert-gefühl” – absolut maßgeblich und entscheidend bei den Situationen ist.
Aber eben nicht nur da, sondern jedes Mal, wenn wir uns in irgendeiner Art und Weise “bewertet” fühlen. Sei es, was man uns sagt, wie man reagiert, ein Blick, eine Geste, ein Hinweis, was auch immer. Es wird uns immer wichtiger, was andere über uns denken. Viel davon nehmen wir gar nicht bewusst als Bewertung wahr, aber unser Selbstwertgefühl schlägt immer wieder im Unterbewusstsein Alarm.
Man kann daher zusammenfassend sagen:
Je geringer das eigene Selbstwertgefühl ist
und je unsicherer man sich seiner selbst ist,
desto wichtiger erscheint einem dann auch die Frage,
was andere über einen denken.
Und desto eher können dann diese Dinge auch einen verletzen.
Diese angebliche Wichtigkeit der Frage trügt natürlich, dennoch bleibt ihre Wichtigkeit für die betroffene Person unverändert. Das heißt, dass sich zwar viele sagen, dass es einem nicht wichtig ist, was andere über einen denken, aber nur wenige meinen es auch wirklich so. Für die anderen bleibt die Wichtigkeit weiterhin bestehen. Und ist das der Fall, dann hat diese kleine Frage massive und leider sehr negative Auswirkungen – erst recht, wenn es dabei um Dinge geht, die mit dem Glauben zu tun haben.
Ein kleines Beispiel dazu, damit man besser nachvollziehen kann, was gemeint ist:
Jemand tut etwas, was andere in der Gemeinschaft nicht machen oder umgekehrt: Er/sie tut etwas nicht, was andere in der Gemeinschaft aber durchaus machen. Dadurch kann es dazu kommen, dass man bewusst/unbewusst eine “Bewertung seiner selbst” empfindet, indem man sich zum Beispiel denkt: “Bestimmt denken die anderen dieses oder jenes über mich, weil ich das nicht so mache wie sie!”.
Diese und ähnliche Gedanken haben natürlich auch Menschen in der Welt, aber bei Gläubigen bekommen diese Dinge “eine heilige Tragweite”. In anderen Worten:
Im Glauben können Selbstzweifel, ein geringes Selbstwertgefühl
und die damit einhergehenden Verletzungen im Herzen
viel größeren Schaden anrichten,
weil alles eine “heilige Wichtigkeit” bekommt.
So dann auch die Frage, was andere über einen denken.
Und hat diese Frage eine enorm hohe Wichtigkeit, gehen mit ihr, wie zuvor erwähnt, negative Auswirkungen (man könnte auch sagen: negative Nebenwirkungen) mit einher. Einige davon möchten wir uns hier anschauen, sodass man die verschiedenen, sich wiederholenden “Muster” dahinter besser erkennen bzw. eben besser enttarnen kann. Das erste Muster ist der:
➔ Selbstschutz
Jeder von uns hat eine Art “Grundbedürfnis”, sich selbst zu schützen. Auch dann, wenn es nicht irgendwie um eine Lebensgefahr geht, sondern auch in völlig alltäglichen Situationen, wie z.B.: Man hat etwas Schlimmes getan und will nicht, dass es rauskommt; oder man ist plötzlich in einer unangenehmen, peinlichen Situation und will sofort flüchten; oder man weiß, dass ein schwieriges Gespräch bevorsteht und man überlegt sich, wie man das Ganze umschifft. Das wären ein paar alltägliche Beispiele für einen derartigen Selbstschutz.
Der Selbstschutz bei unserem Thema hier ist ähnlich. Er ist derjenige, der uns vor einer negativen “Bewertung” durch andere schützen soll. Das heißt, wenn das Selbstwertgefühl sowieso schon angeschlagen ist, interessiert bzw. plagt einen die Frage, was andere über einen denken, gleichzeitig will man aber keine negative Kritik hören. Das führt dann unweigerlich zum nächsten auffälligen Muster, nämlich dass der Mensch sich Folgendes ausdenkt:
➔ Selbstschutzmechanismen
Kritik wird ab und an (oder sogar eher häufig) als eine Art persönlicher Angriff empfunden. Dabei gilt erneut eine Gleichung, wie die zuvor:
Je geringer das eigene Selbstwertgefühl,
desto größer ist die Wahrscheinlichkeit,
dass selbst lieb gemeinte Worte als Angriff aufgefasst werden.
Und wie es bei Angriffen üblich ist, lässt sich das Verhaltensmuster des Menschen auf drei Punkte reduzieren: Gegenangriff, Starre oder Flucht; d.h. diejenige Person kritisiert entweder zurück, sagt gar nichts oder flieht der Situation.
Im Glauben gibt es aber noch eine weitere Alternative, nämlich die Kombination aus Gegenangriff und Flucht. Sie kommt vor allem dann vor, wenn es um biblische Themen geht. Es ist die “unbewusste Verdrehung biblischer Tatsachen”.
Ein Beispiel dazu: Jemand möchte nicht wirklich den schmalen und schwierigen Weg der Nachfolge gehen. Diese Person wird in Liebe darauf angesprochen, dass das nicht die wahre Nachfolge Christi ist. Jedoch flieht die Person in diesem Fall nicht aus der Unterhaltung oder holt zum verbalen Gegenangriff aus, sondern sie nimmt Verse zur Hand, die vermeintlich zeigen, dass man lediglich nur glauben muss und dann sei alles gut. Auf diese Weise schützt sie sich selbst vor einer negativen Bewertung ihres Glaubens.
Auch wenn es bei diesem Beispiel offensichtlich ist, dass diejenige Person die Schrift falsch auslegt, ist es bei anderen Themen, wo man sich selbst und seinen eigenen “Wert im Glauben” schützen will, nicht so offensichtlich. Dort wirken dann die falsch angewandten Verse total logisch und sinnig, dabei sind sie aber nur das Ergebnis eines Selbstschutzes (wo das trügerische Herz aus Jer 17,9 hier natürlich maßgeblich beteiligt ist).
Es gibt nebst der “normalen Flucht” aus einer unangenehmen Situation noch eine weitere, häufig gewählte Variante der Flucht, die ein äußerst auffälliges Verhaltensmuster im Glauben ist: Die Person versucht erst gar nicht, in eine Situation zu kommen, wo sie bewertet werden könnte. Das Schlüsselwort hier (v.a. eben im Zusammenhang von Glaubensgemeinschaften) ist: Trennung.
Denn wenn man sich trennt, braucht man keine Kritik zu fürchten. Auf diese Weise umgeht man dann einfach die Situation.
Das nächste Denk- und Verhaltensmuster, das der Frage, was andere über einen denken, zugrunde liegen kann, ist:
➔ Das Splitter-Balken-Prinzip oder das Spiegel-Prinzip
Damit ist hauptsächlich gemeint, dass man das anderen tut, was man eigentlich nicht will, dass es einem selbst getan wird, wie z.B.:
Man findet es nicht gut, dass man von anderen bewertet wird, bewertet aber selbst andere.
Oder: Kann es sein, wenn man Probleme hat, sich selbst so anzunehmen, wie man ist, dass man dann auch Probleme damit hat, andere so anzunehmen, wie sie sind?
Oder: Wenn man unzufrieden mit sich selbst ist, kann es dann sein, dass man auch häufiger mal unzufrieden mit anderen ist?
Das kann erst recht passieren, wenn es um das nächste Verhaltensmuster geht:
➔ Haschen und Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe
Auch bei diesem Denk- und Verhaltensmuster ist das ungesunde Selbstwertgefühl maßgeblich bzw. sie ist erneut die antreibende Kraft des Ganzen. Und da, wie zuvor gesehen, das geringe Selbstwertgefühl meist von mangelnder Annahme und Liebe herrührt, ist es nicht weiter verwunderlich, dass man sich auch ganz genau danach sehnt: angenommen und geliebt zu werden.
Das ist, völlig unabhängig von unserem Thema, auch das “Recht” eines jeden Menschen. Denn wir sind von unserem Schöpfer so geschaffen worden:
Wir sollen lieben und geliebt werden!
Wenn die Sehnsucht nach Liebe aber wie in unserem Fall dazu führt, dass Erwartungen an die Nächsten gestellt werden, dann kann es schnell ungesund werden; v.a. dann, wenn diese Erwartungen unerfüllt bleiben bzw. nicht so erfüllt werden, wie man es sich selbst vorstellt. Das heißt, es kann durchaus vorkommen, dass unsere Nächsten uns annehmen und uns lieben und das auch zeigen (jeder auf seine individuelle Art), aber es entspricht nicht ganz dem, wie es sich die betroffene Person vorstellt. Dadurch kann Frust entstehen und das bereits eh schon angeknackste Selbstwertgefühl und die damit verbundene Unzufriedenheit wird dann nur noch größer. Das heißt, auch hier entsteht ein Kreislauf; in dem Fall ein Kreislauf der Gefühle, der sich immer wieder wiederholt und einer Abwärtsspirale gleicht:
Unzufriedenheit, die zu noch mehr Unzufriedenheit führt.
Wie man aus diesem Kreislauf rauskommen und sich immer mehr von dieser vermeintlich harmlosen Frage: “Was denken andere über mich?” lösen kann, werden wir uns jetzt im letzten Block genauer ansehen.
