Der unausweichliche Reflex des gefallenen Menschen
Man stelle sich einen Versuch vor, bei dem eine Person auf eine Versuchsperson zugeht und dann mit der Hand eine Bewegung macht, die in Richtung der Wange der Versuchsperson geht.
Die möglichen Reaktionen lassen sich grob in drei Kategorien aufteilen:
- Die Versuchsperson macht nichts und wartet ab, was die Hand am Ende der Bewegung machen wird.
- Die Versuchsperson sieht in der Handbewegung etwas Bedrohliches und schreckt zurück.
- Die Versuchsperson sieht in der Handbewegung etwas Bedrohliches und holt (man würde sagen) zum Gegenschlag aus.
Was man zu diesen drei Möglichkeiten sagen kann, ist, dass die erste Reaktion eine bewusste Handlung ist, die anderen beiden eher eine reflexartige.
Vergleichbar mit diesen Reaktionen ist es, wenn wir auf Fehler hingewiesen oder wegen einer Sache ermahnt werden.
- Der Erste hört bewusst zu und wartet ab.
- Der Zweite weicht reflexartig aus, indem er/sie z.B. sagt: “Ja, aber das war nicht meine Schuld, sondern …”
- Der Dritte holt reflexartig zum Gegenschlag aus, indem er/sie z.B. sagt: “Ja, aber du hast doch auch so und so …”
Es gibt noch eine weitere Parallele, die auffällig ist:
Je schneller die Handbewegung in Richtung der Wange geht, desto eher wird die zweite oder dritte Reaktion erfolgen. Genauso ist es bei einem Hinweis auf einen Fehler oder bei einer Ermahnung: Je mehr diese aus dem Nichts (also völlig unerwartet kommt), desto eher wird man ausweichen oder zum Gegenschlag ausholen.
Würde man den Versuch etwas abändern, gäbe es noch eine weitere auffällige Parallele:
Wenn die Versuchspersonen Kinder wären, würden diejenigen Kinder, die oft liebevoll an der Wange gekniffen oder gestreichelt wurden, eher in der Erwartung einer Liebkosung nichts machen. Kinder wiederum, die oft geohrfeigt wurden, würden viel eher oder fast immer zurückschrecken.
Vergleichbar ist es mit Erbauungen und Ermahnungen. Wenn man ständig nur ermahnt, aber kaum erbaut wurde, wird man viel eher reflexartig ausweichen oder sich verteidigen.
Ganz unabhängig von dem allgegenwärtigen Problem, dass man das Verhältnis zwischen Erbauung und Ermahnung oft völlig verzerrt wahrnimmt. Erst recht, wenn man – anlehnend an den letzten Block – ein geringes Selbstwertgefühl hat. Da können sich dann 10 Erbauungen durch eine einzige Ermahnung in Luft auflösen und so der falsche Eindruck entstehen, dass man die ganze Zeit nur ermahnt wird.
Man könnte sogar sagen (erst recht, weil es ja so oder so in unserer gefallenen Natur steckt, Fehler nicht zugeben zu wollen):

Je geringer das eigene Selbstwertgefühl ist, desto eher wird man in diesen und ähnlichen Situationen – quasi aus Reflex – ausweichen oder zum Gegenschlag ausholen.
