Das gesunde Spannungsfeld: Totales Verständnis und absolut kein Verständnis
Da wir im vorletzten Block von einem ungesunden Spannungsfeld gesprochen haben und es gleich und im Anschluss noch um gesunde Spannungsfelder gehen wird, kurz zum besseren Verständnis ein paar Beispiele zu diesem vielleicht etwas seltsam klingenden Begriff. Die Erklärung wird v.a. denjenigen helfen, die mit unseren Inhalten nicht so vertraut sind und die Wortkreation unseres Bruders Ilja, die wir schon oft benutzt haben, noch nicht kennen (An dieser Stelle ein Gruß an dich: Wir lieben dich Bruder und so Gott schenkt, wirst du bald wieder gesund und munter mit deiner strahlenden Freude unter uns sein!).
Zurück zu deinen “gesunden Spannungsfeldern”: Was sind diese eigentlich?
Antwort: Die Heilige Schrift selbst ist im Grunde eine Ansammlung von gesunden, göttlichen Spannungsfeldern. Wie Widersprüche klingende Aussagen sind keine Gegensätze in dem Sinne, sondern zwei Punkte, die sich gegenseitig ergänzen und so das Bild vervollständigen.
Zum Beispiel:
Wir sind völlig ohne Werke und nur durch den Glauben an Jesus Christus gerettet, aber dennoch sind wir verpflichtet, Werke zu tun. Das klingt wie ein Widerspruch, ist aber natürlich keiner:
Jak 2,24 So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerechtfertigt wird und nicht durch den Glauben allein.
Andere, wie Widersprüche klingende, göttliche Spannungsfelder, die sich gegenseitig ergänzen, sind z.B.:
- Gott liebt uns und er züchtigt uns auch.
- Gott ist voller Gnade und Barmherzigkeit, aber auch zornig und strafend.
- Wir sollen nicht zu hart mit uns ins Gericht gehen und uns selbst nicht verdammen, dennoch sollen wir hart mit uns ins Gericht gehen, denn wir müssen unsere sündhafte Natur verändern.
- Das Gesetz rettet uns nicht, dennoch halten wir es.
Das übergeordnetste Spannungsfeld aber, das quasi alle in sich vereint, ist:
Auf der einen Seite steht das Gute,
das uns motivieren soll
und auf der anderen das Aufzeigen des Bösen,
das uns warnen soll.
So ähnlich ist es mit einem anderen, übergeordneten Spannungsfeld, das wie ein Widerspruch wirkt: Wir sollen unseren Gott lieben, sehr sogar, ihn aber auch fürchten. Ebenfalls sehr sogar.
Unsere Liebe zu ihm soll uns zu guten Werken anspornen, die Furcht vor ihm soll uns vor bösen Werken bewahren. Diese beiden sind daher keine Gegensätze, sondern eben: Ein göttlich-gesundes Spannungsfeld, bei dem das eine motiviert, das andere warnt. Wir brauchen beides. Mal das eine mehr, mal das andere.
Es gibt unzählige alltägliche Situationen, in denen biblische Spannungsfelder eine Rolle spielen und uns bei der praktischen Umsetzung der Heiligen Schrift enorm helfen. Auch dazu ein Beispiel:
Es gibt zwei Brüder: Der erste ist in einer unberechtigten Selbstanklage, ja fast schon Selbstverdammnis, weil er denkt, dass er es Gott nicht recht machen kann, obwohl er alles daran setzt und von Herzen Gott wohlgefällig lebt. Nur er selbst sieht es nicht so.
Der zweite Bruder, sagen wir mal, lebt sein Leben. Er hält zwar die Gebote und so, aber Gott wohlgefällig zu wandeln ist jetzt nicht seine höchste Priorität. In kurz: Er ruht sich ein wenig auf der Gnade aus.
Wenn man nun mit beiden Brüdern redet und die Heilige Schrift als Grundlage für das nimmt, was man sagen wird, dann wird man beim ersten Bruder aufbauende Verse heraussuchen, die Gottes Nähe, Geduld, Gnade, Nachsicht und vor allem Liebe für seine Kinder zeigen; v.a. eben für diejenigen, die wie der erste Bruder, danach trachten, in allem nach seinem Willen zu leben.
Dem anderen Bruder wird man eher Verse zeigen, die davon sprechen, dass der Weg schmal ist, der Glaube von uns alles abverlangt, Gott nichts ungestraft lassen wird, dass viele “Herr, Herr” sagen werden, aber am Ende der Herr sie nicht aufnehmen wird usw.
Beides, was man den Brüdern sagt, findet man in der Heiligen Schrift. Diese vermeintlichen Gegensätze wären bzw. sind dann natürlich keine Gegensätze, sondern sie beide ergänzen sich, indem sie sich eben in einem gesunden, göttlichen Spannungsfeld bewegen. Mal braucht man das eine mehr, mal das andere.
Verzerrt man dieses Feld aber, wie z.B. durch das sog. Wohlfühl-Evangelium, dann kommen bei den zuvor erwähnten Spannungsfeldern folgende Ergebnisse raus:
- Wir sollen unseren Gott über alles lieben, aber keineswegs müssen wir ihn fürchten.
- Gott liebt uns und daher züchtigt er uns nicht.
- Gott ist voller Gnade und Barmherzigkeit, aber niemals zornig und strafend. Das war der alte Gott des alten Testaments.
- Das Gesetz rettet uns nicht, daher brauchen wir es auch nicht halten
- Wir sollen nicht zu hart mit uns ins Gericht gehen und uns selbst nicht verdammen, denn wir können so bleiben wie wir sind, weil uns Gott auch so liebt usw. usf.
Nachdem es jetzt sicherlich klarer ist, wie ein gesundes und wie ein ungesundes Spannungsfeld aussehen kann, zurück zu der Überschrift dieses Blocks:
Das gesunde Spannungsfeld: Totales Verständnis und absolut kein Verständnis.
Um dieses wichtige Spannungsfeld zu veranschaulichen, gehen wir zurück zu dem vorletzten Block, bei dem es um den “geringen Selbstwert und den großen Stolz” ging. Dort wollen wir jetzt das bisher Behandelte praktisch anwenden. Das sieht dann ungefähr so aus:
Unser himmlischer Vater hat unseren Verstand übersteigendes Mitgefühl mit uns, wenn es darum geht, dass wir in unserer Vergangenheit Kränkungen und Verletzungen erlebt haben, lieblos erzogen wurden, gemobbt wurden, ein Problem mit unserem Äußeren haben und wegen allen diesen und anderen Dingen uns minderwertig vorkommen, ein geringes Selbstwertgefühl und Probleme mit uns selbst haben. Dafür hat er totales Verständnis!
Gleichzeitig hat er aber kein Verständnis dafür, wenn seine Kinder unbelehrbar, uneinsichtig, stolz und stur sind und daher sich ihre Fehler nicht eingestehen wollen. Oder in kurz: Er hat kein Verständnis für ein unbußfertiges Herz.
Jetzt ist es ja aber (wie wir zuvor gesehen haben) dennoch so, dass die Schwierigkeit, zu seinen Fehlern und Schwächen zu stehen, von Verletzungen, Kränkungen und einem geringen Selbstwertgefühl herrühren kann. Auf jeden Fall. Aber dennoch muss – so oder so – am Ende die Einsicht erfolgen.
Zur Veranschaulichung dieses Dilemmas erneut die Parallele mit dem Evangelium. Dazu stellen wir uns vor:
Auch ein auf der Straße Lebender ohne Arme und ohne Beine muss irgendwann, wie hart und ungerecht sein Leben auch gewesen sein mag, zu der Einsicht kommen, dass er, wie jeder andere Mensch (!), ein Sünder ist und Vergebung braucht. Natürlich auch Heilung im Herzen. Selbstverständlich. Aber das hebt eben die Notwendigkeit des Schuldeingeständnisses nicht auf. Er muss das erkennen und bekennen.
Und genauso ist es mit uns, wenn wir Verletzungen und Kränkungen erleiden mussten und ein geringes Selbstwertgefühl haben. Das hebt nicht auf, dass wir – wie jeder andere auch – uns unsere Fehler, Schwächen und Unzulänglichkeiten eingestehen müssen. Unsere inneren Verletzungen sprechen uns davon nicht frei.
Dürfen wir von unseren Geschwistern aber mehr Feingefühl, Verständnis und Langmut erwarten. Auf jeden Fall! Aber am Ende muss das Eingeständnis gemäß dem Muster des Evangeliums erfolgen:

“Ich habe Schuld, also gebe ich sie zu!”
So die fundamentale Lehre der Heiligen Schrift.
