Häufig vorkommende Fallen
Hier wollen wir kurz und knapp Situationen schildern, die im Zusammenhang mit der bösen Zunge und dem “Reden in der Abwesenheit einer Person” immer wieder vorkommen. Der erste häufig vorkommende Fall ist:
“Ich hab’s der Person schon gesagt.” oder: “Ich werde das demjenigen auch noch persönlich sagen!”
Damit ist gemeint, dass jemand von einer Person genervt ist und seiner Zunge komplett freien Lauf lässt und dabei “argumentiert”, dass es ja in dem Sinne kein “Reden hinter dem Rücken” sei, weil man es der Person ja bereits schon ins Angesicht gesagt hat oder es eben vorhat, zu sagen.
Das ist ein Irrtum!
Denn redet man mit einer negativen Absicht (z.B. im genervten Zustand) über eine Person, dann ist es böse Zunge. Ob nun vorher gesagt oder nicht. Das spielt keine Rolle, da es offensichtlich nicht die Gesinnung des Herzens aufhebt.
“Ich mein’s ja nur gut!”
Es kann sein, dass man zum Beispiel über die Schwäche einer Person (bleiben wir bei dem “laut zu sprechen” von zuvor) mit einer anderen redet und dabei so etwas sagt, wie: “Behalte das im Auge, dass die Person stets laut redet.”
Diese Aussage kann in wahrer Nächstenliebe und Fürsorge oder getarnt als böse Zunge getroffen werden. Was es am Ende ist, findet man auch hier durch Selbstprüfungsfragen des Herzens heraus. Die Aussage: “Ich mein’s ja nur gut!” muss also geprüft werden, ob sie echt oder sich selbst betrügend gesagt wurde.
“Ich berichte ja nur!”
Auch hier ist es dasselbe Muster. Jemand erzählt davon, wie Person XY dieses oder jenes getan hat. Tut man das mit einer reinen Absicht und mit einem reinen Herzen, ist es etwas völlig anderes, als wenn man davon mit einer, nennen wir es, “etwas anderen Absicht” berichtet (oder man sich vielleicht sogar insgeheim darüber freut, es weitererzählen zu können). Sich durch die Aussage: “Ich berichte ja nur” herauszureden, wäre in einem solchen Fall eindeutig Selbstbetrug.
Des Weiteren muss man sich in einem negativen Kontext (also wenn etwas Negatives über eine Person berichtet wird) ganz generell die Frage stellen:
Wozu erzähle ich das? Welchen Mehrwert hat das Ganze?
Vermutungen
Person A vermutet etwas bei Person B und redet darüber mit Person C. Auch hier gilt erneut: Mit welcher Gesinnung im Herzen macht man das?
Und:
Wieso vermutet man eigentlich meist etwas Schlechtes und selten etwas Gutes?
Ebenfalls wichtig in diesem Zusammenhang ist:
Bei Vermutungen ist es das Sinnigste, die Vermutung nicht mit anderen zu besprechen, sondern direkt mit der betroffenen Person selbst zu klären.
Vom Opfer zum Täter
Person A wird durch irgendetwas von Person B enttäuscht. Die Enttäuschung führt dann dazu, dass sie sich den Frust von der Seele reden möchte. Das tut sie dann auch (weil aus der Fülle des Herzens unser Mund redet), dann aber eben nicht klärend mit Person B selbst, sondern mit einer anderen Person C.
Dadurch passiert das, was wir zuvor bei der Erklärung des Lästerns hatten:
Die Enttäuschung von Person A beruht durchaus auf Wahrheit (sprich sie ist berechtigt) und dementsprechend sind dann auch die Worte, die Person A zu C sagt wahr, aber eben mit einer “nicht so reinen Herzenshaltung”, wie in diesem Beispiel aus Vorwurf, Enttäuschung und Frust. Dadurch wird man dann vom Opfer zum Täter – und das meist, ohne dass es einem auffällt.
Unsere leider typische Schwäche
Wir Menschen haben die Eigenart hin und wieder (oder sogar ziemlich oft) das Gute, wofür wir dankbar sein müssten, aus den Augen zu verlieren und uns mehr auf das Negative zu konzentrieren. Vor allem im Zwischenmenschlichen kommt diese Schwäche besonders oft und besonders stark zur Geltung. Das führt dann im Zusammenhang unseres Themas dazu, dass wir viel eher die Kontrolle über unsere Zunge verlieren und Dinge sagen, die wir nicht sagen sollten, weil wir eben nicht dankbar für unseren Nächsten sind, sondern eher immer wieder etwas an ihnen auszusetzen haben.
Vor allem als Gläubige dürfte und sollte uns das nicht passieren. Im Gegenteil: Wir sollten ein Zeugnis der Nächstenliebe in dieser lieblosen Welt sein und auf das Gute in unseren Nächsten blicken und dankbar sein. Wir zitieren dazu den Vers, den wir zuvor aus Kolosser 3 hatten, nur dieses Mal ganz, weil er auf den Punkt der Dankbarkeit unter uns eingeht:
Kol 3,12-15 Zieht nun an, als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut, Langmut, einander ertragend und euch gegenseitig vergebend, wenn einer Klage hat gegen den anderen; wie auch der Christus euch vergeben hat, so auch ihr. Zu diesem allen aber zieht die Liebe an, die das Band der Vollkommenheit ist. Und der Friede des Christus regiere in euren Herzen …
Und jetzt der letzte Teil:
… zu diesem seid ihr ja auch berufen in einem Leib; und seid dankbar!
Zum Abschluss noch die größte aller Fallen:
Verlust der Selbstbeherrschung
Wahrscheinlich wird es jeder zu einem gewissen Grad kennen, dass wir unter dem Verlust unserer Selbstbeherrschung die mit schlimmsten und verletzendsten Worte sagen können. Genauso wird sicherlich auch jeder von sich kennen, dass auch bei kleineren Mängeln an Selbstbeherrschung sich unsere Zunge verselbstständigen und sehr Böses von sich geben kann:
Spr 12,18 Wer unbedacht redet, der verletzt wie ein durchbohrendes Schwert …
Spr 29,22 Ein zorniger Mann erregt Streit, und ein Hitziger ist reich an Sünde.
Das Problem und die Tragweite einer mangelnden Selbstbeherrschung wird vor allem dann mehr und mehr in unseren Fokus rücken, je mehr wir uns mit dem Thema hier, der “bösen Zunge” beschäftigen. Soll heißen, wenn man für die Zunge sensibel geworden ist und sowohl bei dem eigenen Gesagten als auch bei dem des Gegenübers vermehrt darauf achtet, was da genau alles gesagt worden ist, wird man auch vermehrt erkennen, wo alles im Alltag die böse Zunge im Spiel ist. Dadurch wird dann ganz automatisch der Kampf, sie zu kontrollieren, immer häufiger und bewusster wahrgenommen werden.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum unsere Fähigkeit der Selbstbeherrschung so wichtig ist: Denn meist ist ja Liebe gegenüber unseren Nächsten da (sogar eine große Portion davon), aber diese kann für einen Augenblick (oder leider auch für immer wiederkehrende Augenblicke oder gar für längere Phasen) abhanden kommen. Und genau dann ist Selbstbeherrschung und somit die Beherrschung der eigenen Zunge ganz besonders wichtig.
Warum?
Unter anderem darum, weil Selbstbeherrschung ein ganz besonderer Teil der Frucht des Geistes ist, denn hat man sie, dann schafft man es viel eher, dass die anderen Teile der Frucht, wie Liebe, Friede, Freude, Freundlichkeit usw. nicht unterdrückt werden.
Verliert man aber die Selbstbeherrschung, auch wenn es nur im kleinen Rahmen ist, kann man über Menschen, die man eigentlich lieb hat, sehr unschöne Dinge sagen.
Daher ist bei unserem Thema hier der Verlust der Selbstbeherrschung die größte aller Fallen, in die wir tappen können.
